Wieder Steinzeit

Sammeln gehört zu den seltsamen Erscheinungen menschlicher Daseinsformen. Sammler sind hauptsächlich Männer, neben den Jägern lebende Fossilen aus der Urzeit des Menschengeschlechtes. Sie vermögen in den Gehirnzellen eine Jahrtausende alte mitgeschleppte Information plötzlich zu aktivieren. Ihr Sammeln ist ohne erkennbaren Nutzen, ohne Sinn, keineswegs aber sinnlos, denn sie beziehen den Sinn ihres Lebens daraus. Sammle, egal was, und dein Leben bekommt Sinn! Der Sammler ist ein ausgeglichener Mensch, hält Einiges auf Ordnung und Zettelverzeichnisse, trägt saubere Unterwäsche und gibt am Sonntag ein Zeichen des Friedens. Seine stets unfertige Sammlung treibt ihn an, lässt ihn sparen und suchen. Er reist nur an Orte, die für seine Sammlung Ergänzung bieten können. Er spricht wenig, es sei denn über seine Sammlung. Schläft er mit seiner Frau, so denkt er an die Lücken der Sammlung, was ihn antreibt und sie erfüllt. Sein Selbstbewusstsein bezieht er aus Bier­deckeln, Kronenkorken, Plastikverschlüssen, alten Radios oder Traktoren. Aus Figürchen, Briefmarken, Hirschgeweihen, Münzen, Biergläsern, alten Autos oder Feuerzeugen. Sein Lebensantrieb hängt von der Anzahl der noch fehlenden, aber erreichbaren Sammelobjekte ab. Hat er diese, versucht er sich an den Unerreichbaren. Seine Familie hat er nebenbei gemacht, den Beruf übt er nebenbei aus, sein Haus hat er vor allem für seine Sammlung gebaut. Der echte Sammler verkauft nichts. Im Verkauf einzelner Stücke erkennt er einen heimtückischen Virus. Der Verkauf der Sammlung ist der Tod des Sammlers. Manche halten Sammler für Idioten. Der Idiot bezieht sich aber auf nichts als auf sich selbst. So gesehen ist der Sammler nur ein Halb­idiot, weil er, außer sich selbst, noch einen zweiten Bezugspunkt hat: den Bierdeckel. Der Bierdeckel bleibt bei ihm bis ans Ende seiner Tage. Dieser liebt seinen Sammler wie der Hund das Herrl. Der Bierdeckel ist die Hostie des Sammlers. Was aber sind Museumsdirektoren? Sie sind Staatssammler, zu Gärtnern verwandelte hochbezahlte Böcke & Ziegen.

Eine derzeit boomende Abart des Sammelns ist das Hamstern. Corona lässt es gerade aufleben. Neu gebildete Vorzeig-Krisenstäbe der oberen Wichtigmacher rufen damit indirekt das neue Hamstern aus. Noch im Kindistadium des Faschingdienstags stülpt die Landhüslä-Regierung die Schutzmaske über und mulmt Vollzuversicht: „Siond luschtig Lüt, siond luschtig!“ D’Lüt aber sind längst in den Apotheken und EKZ und kaufen Schutzmasken, Notvorräte, Überlebenspakete, Desinfizierungsmittel in rauhen Mengen wie die Gestörten, füllen ihre Höhlen, Tiefkühlschränke und Vorratskammern. Vorne dran die Vorarlberger Steinzeitwilmas. Fred Feuerstein lässt grüßen. Ich trink drauf ein Corona.

In „Neues vom Zanzenberg“ gibt W&W dem Gastkommentator Ulrich Gabriel Raum, seine persönliche Meinung zu äußern. Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Blog unter:
www.zanzenberg.blogs.tele.net

Wann & Wo | template