Spinn ich?

Vergangenen Montag fuhr ich mit dem Auto von Dornbirn nach Wien. Das Auto wählte ich, weil den jungen Kriegsherren da oben noch einfallen könnte, auch noch Zug und Busse zu verbieten.

Eine literarische Erinner-ung: „Jonas tritt auf die Straße. Jetzt ist keine Täuschung mehr möglich. Er ist allein. Kann ein Mensch leben, wenn die Menschen verschwunden sind? Ihre Welt und ihre Dinge sind geblieben: Straßen, Supermärkte, Bahnhöfe, alles ist leer. Jonas irrt durch Wien, durch die vertrauten Straßen, durch die Wohnungen, die ihm bekannt sind, doch nichts gibt ihm Antwort. (…) Haben die Einwohner die Stadt verlassen und sind woanders?“, schreibt Thomas Glavinic im Roman „Die Arbeit der Nacht“. Wir sind nah dran.

Ich brettere durch das sonnige Österreich. Schön, aber unheimlich. Niemand nirgends. Ist das wirklich die Sonne? Ich versuche über Deutschland zu fahren. An der Grenze hält mich ein, wie ein Bankräuber maskierter, sicher gesunder, Beamter an und mullt unter der Schutzmaske „Sie müssen durch Österreich fahren!“ Von deutschen Baulichtautos eskortiert werde ich wieder zurück ins leere Österreich geführt.

Wörgl, St. Johann, Bischofshofen, Salzburg. Leer die Straßen, leer die Tunnel, leer die Touristenzentren, alles leer. Das muss man sich leisten können. Ich kauf mir im leeren St. Johann einen unleeren Jack Daniels. Bleib cool. Alle 150 Kilometer einen Schluck. Es wird dunkel. Der globale Dimmer schaltet auf Sonnenuntergang. Unwirklich technisch löst Licht Licht ab. Eines bleibt wirklich: Leere Landstraßen, leere Autobahnen. recht-eckige LKW-Hintern rollen ferngesteuert vor mir her, werden langsam größer, bis ich sie überhole. Ich blende auf und entdecke ein Plakat über der leeren Autobahn: „SCHAU AUF DICH, BLEIB ZUHAUSE“. Für wen ist dieses Paradox? „Schau auf dich, schau auf alle“. Diese smarten Staats-Werbesprüche sind zum Kotzen.

Ich grolle gegen diesen Staat, ich grolle gegen die jungen Kriegführer. Als alle auf „JAAAA“ getrimmt waren, fragte Hitler noch pro forma: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Inzwischen wird Krieg ohne Fragen, ohne Jaaaa und ohne Hitler verordnet. Nachdem die Freiheit Schritt für Schritt seit Jahren weggeregelt wird, soll der Volk sich nun per Gesundheitskrieg an den dauerhaften Freiheitsentzug gewöhnen: 1. Übung Hausarrest. 2. Verhinderung der sozialen Kontakte. Cui bono? Wem nütz‘s? Das könne auch über zwei Jahre gehen, höre ich da einen Xperten sagen in den Gefälligkeitsmedien, zu denen ich auch den Kriegswerber ORF zähle. Schuld sei ein unsichtbares Tierchen. Ist das Tierchen selbst auf die Idee gekommen? Hat es jemand gschupft? Gut ausgedacht, wenns ein Computerspiel ist. Es ist keines.

„Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.“ (Christian Morgenstern).

In „Neues vom Zanzenberg“ gibt W&W dem Gastkommentator Ulrich Gabriel Raum, seine persönliche Meinung zu äußern. Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Blog unter:
www.zanzenberg.blogs.tele.net

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