Unheil

Es läutet bereits zum zweiten Mal. Das
Theater ist voll. Ich nehme Platz, ärgere mich, dass ich kein Programmheft bekommen habe. Nur eine Besetzungsliste. Gut, ich war knapp. Bin wohl selbst schuld. Es läutet zum dritten Mal. Es wird dunkel. Es ist eng. Die Leute müssen früher kleiner gewesen sein. Ich schaue zur Bühne.
Dunkelrot und geschlossen steht der große Vorhang da.

Jetzt bewegt er sich ein wenig. Er zittert, wallt leicht nach oben. Es ist soweit. Er öffnet sich, aber er geht nicht auf. Ich bin irritiert. Er fährt tatsächlich langsam nach beiden Seiten weg, aber es entsteht kein Bühnenspalt. Es kommt immer mehr Vorhang nach. Täusch ich mich? Ich konzentriere mich auf die Mitte. Es ist eindeutig. Beide Hälften des Vorhangs öffnen sich. Wie kann das sein? Das funktioniert technisch doch gar nicht. Da müssten sich ja hinter dem Spalt in der Mitte riesige Vorhangsrollen befinden. Die beiden Vorhanghälften verschwinden weiter in den Bühnenseiten. Die Leute um mich herum scheinen das normal zu finden. Alle schauen konzentriert auf den Vorhang.

Ich werde unruhig und sehe meine Nachbarin an. Sie bewegt sich nicht. Offensichtlich lässt es sie kalt, wenn ich sie ansehe. Gut, dann eben nicht. Jetzt dreh ich mich zu meinem linken Nachbar hin. Auch er bewegt sich nicht. Ich sehe mich kurz um. Die hinter mir Sitzenden reagieren nicht. Sie scheinen nur auf eines schauen: den sich unaufhörlich auseinandergehenden Vorhang, der sich nicht öffnet. Keine Bühne, nicht einmal ein Spalt. Da höre ich plötzlich einen Rumpler, dann ein Summen. Ich sehe nach oben. Der Eiserne Vorhang kommt herunter. Jetzt wird’s aber heftig. Obwohl ich irritiert bin, vermag ich mich dem Anblick dieser mächtigen heruntersinkenden Wand nicht zu entziehen. Jetzt ist sie bereits in der Hälfte, jetzt fehlen nur noch ein Meter, ein halber, ein Rumpler, der Eiserne ist geschlossen. Empört schau ich ins Publikum. Es bewegt sich niemand. Es nimmt niemand Notiz von mir. Eigentlich normal. Täusche ich mich? Nein. Es ist total still. Das Publikum schweigt. Wird mir etwas vorgetäuscht?

Mutig flüstere ich zu meiner Nachbarin: „Entschuldigen Sie …“ Sie reagiert nicht. Kein Blick, keine Bewegung, kein Laut. Jetzt tippe ich Sie respektvoll an. Sie lächelt und schmilzt hin. Der gepolsterte Theaterstuhl klappt hinauf. Bin ich von Sinnen? Keineswegs. Ich versuche es bei meinem rechten Nachbarn, tippe ihn an, er lächelt und schmilzt hin.

Der Stuhl klappt hinauf. Entschlossen steh ich auf, dreh mich um und schau nochmals provokant ins Publikum. Alle sehen unbeirrt auf den eisernen Vorhang – außer meinen beiden hingeschmolzenen Nachbarn. „Hallo“ ruf ich in den vollen Saal. Da lächelt das Publikum kurz, schnappt nach Luft und schmilzt hin. Alle Stühle klappen hinauf.

In „Neues vom Zanzenberg“ gibt W&W dem Gastkommentator Ulrich Gabriel Raum, seine persönliche Meinung zu äußern. Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Blog unter:
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