Festgesetzte Rettungsschiffe

Seit langer Zeit müssen wir die Untätigkeit der Europäischen Union und der österreichischen Bundesregierung ertragen und sind zur Mitwisserschaft und zu unmenschlichem Verhalten gebrandmarkt. Zurückgezogen in unserem Wohlstand unserer vier Wände versucht jede und jeder einen Weg des Ertragens zu finden – möglicherweise auch wegzuschauen. Die Rolle des Wegschauens fällt mir zunehmend schwerer und so kaufe ich mein schlechtes Gewissen durch die aktive Teilnahme an Demonstrationen, durch Beiträge der Nachbarschaftshilfe, durch Spenden an Amnesty International und an Ärzte ohne Grenzen ein wenig frei. Aus dieser Perspektive fällt mein Blick auf Menschen, die mit Courage und enormem persönlichem Engagement das tun, für das die Errungenschaft einer Zivilgesellschaft heute stehen könnte – das Akzeptieren von Völkerrecht, Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und so arbeiten meine Helden etwa in Flüchtlingslagern und auf Rettungsschiffen. Kürzlich hat mich ein Newsletter von Ärzte ohne Grenzen mit folgendem Inhalt erreicht: „Wir dürfen nicht aus dem Hafen auslaufen. Wir dürfen unseren Einsatz nicht fortsetzen. Wir sitzen praktisch in der Falle.“ Dies berichtet aus dem Hafen von Palermo Hannah Wallace Bowman, Sprecherin auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 4 und Ärzte ohne Grenzen Österreich informiert in diesem Zusammenhang, dass die Behörden unter fadenscheiniger Begründung, trotz mehrerer negativen PCR-Tests, eine systematische Verhinderungspolitik verfolge und so bereits fünf Rettungsschiffe in fünf Monaten in einem italienischen Hafen festgesetzt wurden. Demnach sollen Hilfsorganisationen ganz gezielt daran gehindert werden, Flüchtende in Seenot zu retten. Und die Auswirkungen sind erschreckend: So seien seit der Festsetzung der Sea-Watch 4 bereits mehr als 170 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Völkerrechtliches Fehlverhalten und unterlassene Hilfeleistung sind strafbar – auch wenn dies unter Mithilfe der Mitgliedstaaten der Europäischen Union praktiziert wird. Ich bin fassungslos und erhebe meine Stimme. Gebt die Rettungsschiffe frei und lasst sie ihren Einsatz fortsetzen!

 Oliver Mössinger, Dornbirn