Empfindlichkeit

Ein Universitätsprofessor und ein hoher Beamter treffen sich im Kaffeehaus:

„Weißt du, mein lieber Freund, die Coronageschichte ist irgendwie ungut für mich“, sagt der Beamte. Der Professor nebenbei einen Artikel aus „Science“ lesend: „Für mich auch, weil die Journalisten mir immer das Wort im Mund verdrehen und sie sich sofort davon machen, wenn sie einen Kollegen finden, der für Geld jede Expertise abgibt und auch nach Bedarf seine Ansicht wechselt.“ „Bei mir wechseln nur die Weisungen der Regierung, die ich ohnehin nie so heiß gekocht habe, weil sich die Politiker auch noch nie dafür interessiert haben, was wie und ob ich überhaupt was tu. Aber bei Corona ist das anders. Ich weiß nicht, warum?“

„Ja, mein lieber Freund, dafür habe ich Verständnis, aber es beißt mich nicht, was Corona macht. Ich halte die Quarantäne der Vernunft ein und lese mein Journal genau so, dass der Luftstrom meines Atems dich nicht erreicht.“ „Bist du angesteckt? Dann muss ich sofort gehen!“ „Nein, ich bin nur ein Vorbild. Und wenn du jetzt gehst, hätte das auch keinen Sinn, weil du trotz meiner Vorsichtsmaßnahme zu einem bis zehn Prozent Wahrscheinlichkeit infiziert wärst, während ich hier ruhig weiterlese und mit hundertprozentiger Sicherheit von dir den Virus eingehandelt hätte, weil du ja ganz offen mit mir sprichst.“

 Thomas Amann, Bregenz

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