Des pas sur la neige

Es wird wohl um das Jahr 1956 gewesen sein. Herbst. November, Galgenkinds Robbenbär. Viel Regen, ungezogener Wind, auf der Straße lagen Kastanien herum, die noch in der aufgesprungenen Stachelschale glänzten und in meinen Hosensack wollten. Dort verloren sie den Glanz und landeten in der Nachtkästchenschublade, wo sich Kippel tummelte. Nutzloses Zeug: Kaugummipapierchen, Abziehbildchen, Glaskugeln, Radiergummi, Haarspange, ein verrotztes Taschentuch, gelb und steif. Kippel wachse an allen möglichen und unmöglichen Stellen, erzählt Philip K. Dick im Blade Runner. Man müsse gegen ihn ankämpfen, wenn man nicht überkippelt werden wolle: „Das ist das erste Gesetz des Kippels“, sagte er, „Kippel verdrängt Nichtkippel“

Wenig später war es Dezember, Galgenkinds Wespenbär, und es schneite schon um halbsechs Uhr morgens. Schneeflocken landeten weiß und schweigend auf der Schillerstraße, die von städtischen Gaslampen erhellt war. Die Lampen waren eigens für uns Buben geschaffen, damit wir sie später als Halbwüchsige beim Nachhausegehen mit Schneebällen kaputtschiessen konnten. Gottes Werk und Teufels Beitrag. „Pfft“ machte es, wenn wir eine getroffen hatten und die Straße rundum ins Dunkel tauchte. Dampf zischte auf. Triumph. Getroffen gesunken, wie beim Schiffleversenken.

An diesem Wespenbärmorgen stapfte ich neben La Garda als mittelkleiner Bub im Schneetreiben die Schillerstraße hinunter bis zur Mündung in die Marktstraße und weiter zur Stadtpfarrkirche St. Martin ins Rorate. Niemand sonst befand sich auf der Straße, es war still, so still wie nur verschneite Straßen still sein können. Romantisch hieß das Wort dafür, das ich speicherte. Romantisch wie eine Schneekugel nach dem Schütteln, wenn sich die glitzernden Schneeflocken lichten und winzige verschneite Häuschen hervorzaubern. Immer wieder blickte ich mich verstohlen um, weil ich mit jedem Rückblick hinter mir meine unmittelbare Vergangenheit sehen konnte. Die mittelgroßen Schritte von La Garda und meine kleinen Kinderschritte im Schnee blieben nämlich einige Zeit hinter uns sichtbar. Manchmal glitzerten die Ränder der Fußspuren. Unsere Fussabdrucke reichten weit zurück und wurden immer kleiner, bis sie im Schneetreiben verschwammen. Es schneite kräftig und deckte die Spuren ganz langsam zu. Schnee von gestern?

Wir sprachen kaum ein Wort, vielleicht „brrr“ oder „kalt“. Still erstapften wir unsere Vergangenheit, die hinter uns als „Schritte im Schnee“ liegen blieb. Mit 17 Jahren hörte ich die Schritte im Schnee erstmals im Musikunterricht. Der Musikprofessor spielte sie uns am Klavier vor. Die Nummer 6 der 24 Klavier-Préludes von Debussy trägt diesen Titel. Aber Debussy notierte ihn nicht als Überschrift sondern erst nach dem Stück und dazu noch in Klammer: (Des pas sur la neige).

In „Neues vom Zanzenberg“ gibt W&W dem Gastkommentator Ulrich Gabriel Raum, seine persönliche Meinung zu äußern. Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Blog unter:
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