„Das Atelier ist mein größtes Glück“

Christine Dünser hat ihre Leidenschaft im Handwerk gefunden.  Foto: handout/Jürgen Scharf

Christine Dünser hat ihre Leidenschaft im Handwerk gefunden.  Foto: handout/Jürgen Scharf

Christine Dünser ist eine von zwei Schuhmacher- innen in Vorarlberg. Mit W&W spricht sie über ihr Handwerk, das Reisen und Nachhaltigkeit.

In einer Zeit, wo „Fast Fashion“ die Modewelt regiert, findet sich in der Widagasse 9 in Dornbirn eine kleine, aber feine Schuhmanufaktur. Anstatt auf Masse zu produzieren, werden in dem Atelier Einzelstücke gefertigt. Das alte Gebäude hat Flair: Es duftet nach Leder, in den Regalen stehen zahlreiche Schuhpaare, jedes ein Einzelstück. Ein Korb voll mit Ledertaschen in der Ecke – kleine, große, in verschiedenen Farben und Formen. An den Wänden hängen alte Skizzen, die aussehen, als würden sie bald auseinanderfallen. Im hinteren Teil der Werkstatt hört man die Besitzerin des Ateliers hämmern. Es ist Christine Dünser, die an einem ihrer Einzelstücke werkelt. Seit eineinhalb Jahren zählt das kleine Atelier zu ihren großen Errungenschaften, denn die Schuhmanufaktur macht sie glücklich: „In meiner Werkstatt habe ich meine Leidenschaft gefunden. Ich freue mich jeden Tag auf neue Aufgaben, neue Herausforderungen.“, sagt Christine. Die 35-Jährige ist eine von zwei Schuhmacherinnen Vorarlbergs. Tagtäglich fertigt sie liebevoll Unikate für ihre Kunden an. Ihr Klientel erstreckt sich weit über die Grenzen Vorarlbergs hinaus: Holländer, Schweizer sowie Deutsche kennen und lieben Christines Schuhe. „Trotzdem sind acht von zehn Kunden Vorarlberger“, sagt sie stolz. Für ein Schuhpaar investiert ihr Publikum schon einmal im vierstelligen Bereich: „Bei einem Zeitaufwand von 20 bis 25 Stunden liegt ein maßgefertigtes Schuhpaar bei ab 1500 Euro“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wenn man die Schuhe regelmäßig pflegt, halten sie bis zu zehn Jahre“. Das Handwerk gelernt, hat Christine in Italien, wo sie drei Jahre Schuh- und Accessoire-Design an der Polimoda in Florenz studierte. Ihre Leidenschaft entfachte damals ein 70-jähriger Schuhmacher namens Angelo: „Weil wir im ersten Semester keinen Starkstromanschluss hatten, lernte uns Angelo das Schuhhandwerk ohne Hilfsmittel. Statt wie üblich die Schuhmachermaschine zu verwenden, sammelte er im Wald Wildschweinborsten, um zu nähen. Um Ledernarben abzuschaben nahmen wir zum Beispiel Glasscheiben. Es war faszinierend zu erfahren, mit wie wenig Materialien man arbeiten kann“, erinnert sich Christine. Nach drei Jahren Ausbildung in Florenz und mehreren Praktika in namhaften italienischen Unternehmen absolvierte sie 2011 erfolgreich die Meisterprüfung und der Selbstständigkeit stand nichts mehr im Weg.

Von der Wäscheküche
zum Atelier

Den Sprung in die Selbstständigkeit sah Christine gelassen: „Das Wichtigste ist, dass man sich selbst eine Chance gibt, sich traut und ermutigt. Wenn man etwas will, dann muss man es einfach machen, ohne groß darüber nachzudenken, ob es letztendlich klappt oder nicht. Und: Es ist nie zu spät“, meint sie. Christine fing klein an. Ihre erste Werkstatt war eine alte Wäscheküche im damaligen Gemeindehaus in Schwarzach. Danach zog sie in die Eisengasse nach Dornbirn. „Die Entwicklung war genau richtig. In Schwarzach war es ruhig und ich konnte mich in meiner neuen Position als Selbstständige gut einleben. Nach eineinhalb Jahren traute ich es mir zu, den Standort in das Zentrum zu verlegen. Mein Atelier jetzt ist die perfekte Mischung“, sagt sie zufrieden. Dass Christine einmal den Weg zurück nach Vorarl-
berg findet, hätte die Dornbirnerin selbst nicht erwartet. Denn ihre zweite große Leidenschaft gilt dem Reisen, anderen Kulturen. „Beim Reisen findet man wieder zu sich selbst. Manchmal ist es wichtig, aus dem Alltag auszubrechen und neues zu sehen und zu erleben“, resümiert sie.

Nachhaltigkeit ist
Einstellungssache

Ein Erlebnis löst in der 35-Jährigen immer noch starke Gefühle aus. Nach der Matura flog Christine für einige Monate nach Indien, um in einem Obdachlosenheim für Kinder zu arbeiten. „In Indien besuchten wir eine Schuhfabrik, wo hauptsächlich Kinder beschäftigt waren. Es war erschreckend zu sehen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen“ erinnert sich Christine und ist sichtlich berührt. „In Indien habe ich gelernt, zu schätzen, was wir haben. So etwas zu sehen, löst viele Emotionen aus. ‚Fast Fashion‘-Produkte werden überall zu diesen Bedingungen produziert. Das ist schrecklich.“ Trotzdem weiß Christine, dass ein Schuhpaar um 1500 Euro nicht für jeden leistbar ist. Deswegen entwickelte sie eine Konfektionslinie. „Ich designe jedes Jahr ein anderes Modell – für Damen und Herren. Farbe und Leder kann man sich aussuchen“, erklärt sie. „Mit der Konfektionslinie möchte ich jungen Menschen die Vorteile und Qualität von hochwertigen Leder näherbringen.“ Ihre Inspiration für die Konfektionslinie findet Christine in der modernen Modewelt: „Mich macht es glücklich, wenn meine Ideen Gestalt annehmen. Das ist auch die tägliche Herausforderung: Dass die Hände das machen, was sich der Kopf denkt.“ Und Christines Kopf sprüht nur so von Ideen. Ihre Gedankenblitze verewigt sie auf kleinen Listen, die sie überall im Atelier verteilt hat. „Damit ich sie nicht vergesse“, erklärt sie freudestrahlend. Ihr Wunsch für die Zukunft: „Dass mir die Ideen nicht ausgehen und mir die Freude am Handwerk erhalten bleibt“, sagt sie.

Kurz gefragt...



Die Größte Schuhgröße die
du angefertigt hast?
„Schuhgröße 48 für ein 18-Jähriges Mädchen. Mit ihrer Schuhgröße konnte sie nur Herrenschuhe tragen. Sie bekam die Schuhe für einen Auftritt von ihrer Gotta geschenkt.“

Wie pflegt man Schuhe richtig?
„Schuhe mit einem feuchten Tuch abwischen und Emulsionscreme auftragen. Anschließend mit Wachspaste eincremen. Danach mit der Rosshaarbürste aufpolieren. Wichtig: Schuhspanner verwenden!“

Wer lässt sich mehr Schuhe anfertigen? Männer oder Frauen?
„Männer. Das liegt daran, dass sie lieber weniger aber doch etwas Langlebiges haben möchten. Frauen kaufen gern das, was im Trend liegt.“


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