Blick in die Zukunft: Das Ländle 2040

Utopie oder Dystopie: Wie wird sich Vorarlberg in den nächsten 20 Jahren entwickeln?




WANN & WO wagt gemeinsam mit Dr. Kriemhild Büchel-Kapeller vom Büro für Zukunftsfragen einen Blick 20 Jahre in die Zukunft. Klar ist jedoch, dass „keine verlässliche Prognose abgeben werden kann. Unsere Welt birgt viele unerwartete Entwicklungen, die einen kompletten Richtungswechsel des Zukunftsausgangs zur Folge haben könnten.“ Aus diesem Grund gäbe es nicht nur eine, sondern immer mehrere, mögliche Ausgänge auf einmal. „Laut dem deutschen Zukunftsinstitut gibt es derzeit vier mögliche Szenarien, zwischen Utopie und Dystopie. Von einer Post-Corona-Gesellschaft, deren Leitgedanke von einem nachhaltigen Wirtschaftssystem getragen wird, bis hin zu einer Gesellschaft, die zurück in alte Muster verfällt. Die ‚Alle gegen alle‘-Mentalität hätte eine Dystopie, also eine negative Gesellschaftsstruktur, zur Folge.“ Eines der zwölf Themen, welche die Prognose beeinflussen, ist Neo-Ökologie: „Nachhaltigkeit und Effizienz in allen Bereichen: in der Finanzwirtschaft, im Städtebau, in Mobilitätskonzepten oder im moralischen Konsum. Der Megatrend wird Märkte und Konsumverhalten verändern. Neben ‚grünen‘ Themen gehören auch die sozial-ökologische Folgen unseres Handelns, der Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen, Korruptionsbekämpfung und Chancengleichheit zum ökonomischen Gewinn.“

Co-Living-Spaces: Schlüssel zum Wohnen der Zukunft

„Leistbares Wohnen“ ist heute bereits ein wichtiges Thema in Vorarlberg. Zurecht, denn der Expertin zufolge muss schon jetzt an einer Lösung des Problems gearbeitet werden: „Es gilt auf Innovationen und zukunftsweisende Konzepte zu setzen.“ Mögliche Lösungen sieht Büchel-Kapeller in der Verwendung von 3D-Druck-Technologien im Wohnbau, der Tiny Haus Gemeinschaft Vorarlberg und Baugemeinschaften: „Viel Wohnraum auf wenig Grundfläche, so ist Bauen sozial und ökologisch nachhaltig. Neben innovativen Konzepten müssen die Gemeinden außerdem von ‚innen‘ heraus gemeinsam mit den Bewohnern lebendig entwickelt werden, sonst droht Entsiedelung. Das Prinzip der Co-Living-Spaces wird der Schlüssel zum Wohnen der Zukunft sein.“

Zeit der Egomanen-Staaten ist vorbei!

Die Corona-Pandemie veränderte das Land. Freiheit wich Beschränkungen. Laut Büchel-Kapeller, wird die Situation auch in Zukunft noch weitreichende Folgen haben: „Menschen stehen mehr für ihre Grundrechte ein. Es wird eine Balance zwischen Sicherheitsbedürfnis und demokratischer Grundwerte brauchen. Freiheit, Sicherheit und Risiko werden immer wieder sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich neu bewertet werden müssen. Große Bedeutung wird das Zusammenspiel zwischen Überwachungsstaat und dem Erhalt von Freiheitsstandards erhalten.“ Die Expertin erkennt auch, dass sich gerade in Zeiten von Covid-19 Menschen von der EU verlassen fühlten. Dies würde zu einem Anstieg an nationalistischen Alleingängen führen – das künftige Bestehen der Europäischen Union hinge von deren weiteren Vorgehensweise ab: „Das Virus kennt keine Grenzen, daher muss auch die Bekämpfung eine staatenübergreifende Aufgabe sein. Entscheidend ist der Ausbau von Solidarität, Kompetenzen und Entscheidungsstrukturen von Seiten der EU. Die Zeit der Egomanen-Staaten ist vorbei! Abschottung ist kurzsichtig von Vorteil, langfristig bleibt man allein auf der Strecke. Vorsprung hat, wer auf Allianzen setzt.“ Ein Umdenken hatte die Situation auch für die Jugend zufolge: „Jungen Menschen ist bewusst, dass sie nicht allein auf eine Lösung ‚von oben‘ warten dürfen. Sie sind politischer denn jemals zuvor und haben verstärkt das Bedürfnis nach Mitbestimmung. Es geht um ihre Zukunft und diesbezüglich werden sie sich auch weiterhin Gehör verschaffen.“ Angesichts düsterer Zukunftsprognosen im Wirtschafts- und Umweltbereich sei für viele junge Menschen, die Lebenswelt der Erwachsenen kein Vorbild. Dies führe zu einem Zuwachs an Sinn- und Werteorientierung: „Ganz nach dem Motto: ‚Fordert das Unmögliche, damit das Notwendige machbar wird!‘“

Wandel der nahen Zukunft

Als große Themen, denen sich das Ländle in den nächsten 20 Jahren annehemen sollte, benennt die Expertin das Schaffen von Räumen für Bildung, Digitalisierung und den Erhalt von natürlichen Ressourcen: „Durch den rasanten Wandel und die internationale Verflechtung werden Innovationen und ein noch stärkeres pro-aktives Handeln enorm wichtig. Auch das Zusammenspiel von ländlichen Gemeinden und Städten spielt eine große Rolle, um neben dem Finanzkapital und den Humanressourcen auch das so wichtige Sozialkapital zu erhalten.“ Mehr Mut und Tempo bedarf es, aufgrund des voranschreitenden Klimawandels, bei der Umsetzung der Energieautonomie. Auch Bevölkerung, Unternehmen und Politik bei Entscheidungen an einen Tisch zu bringen, wird, laut Büchel-Kapeller, an Bedeutung gewinnen: „Weil alle von den Umwälzungen betroffen sind, müssen Alltagskompetenz und Fachkompetenz verbunden werden. Für tragfähige Umsetzungen muss sich die Diversität im Lösungsweg abbilden, wozu gute Beteiligung wesentlich ist.“ Die größten Veränderungen in den kommenden zwei Jahrzehnten prognostiziert die Expertin für die Verbindung von der sich rasant weiterentwickelnden Digitalisierung mit ethischen Grundsätzen und das Aufbrechen von Parallelwelten zwischen Politik und Bürgern sowie der Filterblasen innerhalb gesellschaftlicher Gruppierungen, „damit aus Wutbürgern schnellstmöglich Mutbürger werden, die angesichts großer Herausforderungen nicht handlungsohnmächtig werden und in Zukunftspessimismus verfallen.“ Einen wichtigen Faktor für das Gelingen sieht sie in dem Empfindungsvermögen von Empathie: „Bei allen technologischen Entwicklungen, die zentrale Frage bleibt, ob der soziale Frieden gesichert werden kann, angesichts der gesellschaftlichen Transformationen, in den wir uns befinden.“

„Abschottung ist kurzsichtig von Vorteil, langfristig bleibt man allein auf der Strecke. Vorsprung hat, wer auf Allianzen setzt.“ Dr. Kriemhild Büchel-Kapeller, Büro für Zukunftsfragen Foto: handout/Büchel-Kapeller

„(...) damit aus Wutbürgern Mutbürger werden, die nicht handlungs-ohnmächtig werden und in Zukunftspessimismus verfallen.“ Dr. Kriemhild Büchel-Kapeller