„Ghosting ist einfach nur gemein!“

Feodora, 21, Dornbirn: „Ich finde es gemein, wenn jemand so etwas abzieht. Es tut noch viel mehr weh, als wenn man die Meinung einfach ins Gesicht gesagt bekommt. Mädchen geben sich dann oft selbst die Schuld.“
Feodora, 21, Dornbirn: „Ich finde es gemein, wenn jemand so etwas abzieht. Es tut noch viel mehr weh, als wenn man die Meinung einfach ins Gesicht gesagt bekommt. Mädchen geben sich dann oft selbst die Schuld.“

Herzen brechen ohne große Worte: WANN & WO geht Ghosting – dem „Aus-dem-Staub-machen“-Phänomen auf die Spur.

Es gibt gesellschaftliche Regeln, die stehen nicht im Knigge. Eine davon: Mit wem man Bett, Geheimnisse oder sogar Zahnbürste teilt, ist man eine Erklärung schuldig. Und trotzdem boomt Ghosting – zuverlässige Studien fehlen noch, eine Umfrage der „Elle“ legt jedoch nahe, dass rund jeder zweite junge US-Bürger bereits „verschwunden“ ist. „Um eine Beziehung oder den Kontakt zu jemandem zu beenden, braucht es Mut, um Klartext zu sprechen. Oftmals ist genau das für viele Menschen schwierig, da sie es vielleicht auch nie gelernt haben, sich unangenehmen Situationen zu stellen. Ghosting ist eine Art Flucht, sich vor dem ‚Schlussmach‘-Gespräch zu drücken und keine Verantwortung übernehmen zu müssen“, erklärt Sarah Ender von der Jugendberatungsstelle Mühletor. Der selben Meinung ist ihre Kollegin ­Elisabeth Jäger: „In unseren Beratungen mit Jugendlichen merken wir, dass sie sich vermehrt versuchen, so aus den Beziehungen oder Freundschaften zu schleichen und den Anderen ohne Erklärung zurücklassen. Durch das vermehrte Nutzen von sozialen Netzwerken und Apps werden die Face-to-face-Kontakte immer weniger, somit wird es auch leichter, sich nicht mehr zu begegnen, wenn man das nicht mehr möchte.“ Kommunikation in sozialen Medien fördert eine gewisse Distanz und Unpersönlichkeit. „Es entspricht dem Zeitgeist, sich zunehmend an der Oberfläche, am Äußeren, am erwünschten Selbstbild zu orientieren, und andere – vielleicht problematischere – Persönlichkeitsanteile zu verbergen“, erklärt Brigitta Amann, klinische Psychologin in freier Praxis, und führt aus: „Echte Beziehungen verlangen Tiefe, die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen und sich auch mit den jeweiligen Schwächen begegnen zu dürfen.“ Doch wie gehen Betroffene am besten damit um? „Ein altes Rezept das in der analogen Welt geholfen hat, war, miteinander zu sprechen“, ist Prof. (FH) Dr. Dipl. Soz.-Päd. Christian Dorn überzeugt. Klingt recht einfach – ist es in der digitalen Welt aber durchaus nicht. „In der analogen Welt, konnte man Menschen einfach aufsuchen und sie konfrontieren.“

„Optionen berauben“

Ein ähnliches Phänomen ist Benching: Man schiebt eine Entscheidung auf und will sich der Situation nicht stellen – man stellt eine Person auf die Warteliste. „Eine Ursache könnte dafür sein, dass die Entscheidungsfindung in der grenzenlosen Medialität immer schwerer fällt. Nach dem idealen Partner könnte es ja immer noch einen besseren geben. In Zeiten, in denen es sogar Fremdgehportale für ‚den gewollten Ausrutscher‘ gibt, ist ein solches Verhalten nicht verwunderlich. Man würde sich ja mit der definitiven Entscheidung, der Grenzenlosigkeit der Optionen des virtuellen Angebots berauben.“ Bei Beziehungen gilt also der Grundsatz: „Geht so mit dem Gegenüber um, wie ihr auch selbst behandelt werden möchtet“, sind sich die Experten einig.

Martina, 17, Götzis: „Das ist absolut bescheuert und gemein! Jemandem den Grund zu sagen, wieso man keine Beziehung bzw. Freundschaft mehr möchte, ist ja wohl das Mindeste, das angemessen und ethisch richtig ist.“
Martina, 17, Götzis: „Das ist absolut bescheuert und gemein! Jemandem den Grund zu sagen, wieso man keine Beziehung bzw. Freundschaft mehr möchte, ist ja wohl das Mindeste, das angemessen und ethisch richtig ist.“
Hamsad, 20, Dornbirn: „Eine Beziehung einfach ins Leere laufen zu lassen geht gar nicht. Das entwertet dann ja die gesamte Beziehung! Es ist mir zum Glück nie passiert und ich würde so etwas auch selbst niemals tun.“
Hamsad, 20, Dornbirn: „Eine Beziehung einfach ins Leere laufen zu lassen geht gar nicht. Das entwertet dann ja die gesamte Beziehung! Es ist mir zum Glück nie passiert und ich würde so etwas auch selbst niemals tun.“
Anrufe, SMS oder Ähnliches werden beim Ghosting ignoriert. Karikatur: Christian Berger
Anrufe, SMS oder Ähnliches werden beim Ghosting ignoriert. Karikatur: Christian Berger
Brigitta Amann
Brigitta Amann

Erklärung



Ghosting: Unter dem Begriff Ghosting versteht man in einer Partnerschaft einen vollständigen Kontaktabbruch ohne Vorwarnung. Obwohl vorher Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich ­jegliche Kontaktversuche ins Leere.

Benching: Der Begriff stammt von „Bench“ (englischen für Bank). Wer jemanden „bencht“, lässt die Bekanntschaft auf der langen Bank sitzen.

Artikel 1 von 1