Zwei Jahre im Alptraum gelebt

Julia wurde von ihrem Partner immer wieder misshandelt, sie vertraute jedes Mal darauf, dass er sich ändert – bis es ihr nach zwei Jahren endgültig reicht und sie ins Vorarlberger Frauenhaus flieht. Foto: WANN & WO/Förtsch

Julia wurde von ihrem Partner immer wieder misshandelt, sie vertraute jedes Mal darauf, dass er sich ändert – bis es ihr nach zwei Jahren endgültig reicht und sie ins Vorarlberger Frauenhaus flieht. Foto: WANN & WO/Förtsch

Heute ist Tag gegen Gewalt an Frauen. W&W erzählt die Geschichte von Julia, die ins Frauenhaus flüchtete.

Die blauen Flecke an Julias* Armen tun eigentlich gar nicht so weh. Auch die Blutergüsse an ihrem Hals sind nicht so schlimm, wie sie aussehen. Das Schlimmste für Julia ist die Angst. Die Angst davor, dass Christoph zurückkommt, dass er sie findet, ihre Kinder findet, dass alles von vorn losgeht. Es ist ihr dritter Tag im Frauenhaus Vorarlberg. Und es ist mittlerweile das zweite Jahr, dass ihr Partner sie schlägt. Tritt. Würgt. Auch vor den Kindern. Etwa zwei Jahre hat Christoph Julia misshandelt, aus Eifersucht, um sie zu unterdrücken oder weil die Kinder nicht still waren – ihr Partner fand immer einen Grund. Und sagte danach, er werde sich ändern. Aber jetzt soll damit Schluss sein.

Flucht und Zukunftssorgen

Vor drei Tagen kam die 32-Jährige im Schutzhaus an. Mit einer Reisetasche auf der Schulter und ihren beiden Kindern Anna (6) und Bernhard (4) an der Hand. Am Nachmittag, wie die meisten Frauen – entgegen dem typischen Bild, wonach die Frauen im strömenden Regen mitten in der Nacht an der Tür zum Frauenhaus klopfen. So ist es nämlich nicht, schildert Cäcilia König, die Leiterin der ifs Frauennotwohnung in Vorarlberg der WANN & WO: „Viele Frauen überlegen lange, bevor sie zu uns kommen. Das ist selten eine Kurzschlussreaktion.“ Denn für viele stehe eine Menge auf dem Spiel. Auch für Julia: Sie arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt, verdient nicht viel und ihr Chef hat wenig Verständnis, wenn sie oft einmal zuhause bleiben muss, weil Anna oder Bernhard krank sind. Sie war ja zuletzt schon häufig krankgeschrieben, damit niemand die blauen Flecke sieht. Die Kinder, die Arbeit, den Haushalt unter einen Hut bekommen wird alleine schon schwer genug werden. Was aber, wenn das Geld ohne den Verdienst von Christoph einfach nicht reicht? Im Schutzhaus erhalten die Frauen nicht nur einen sicheren Wohnort, sondern auch eine umfassende Beratung bei allen Rechtsfragen, Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche, bei Behördengängen und einen eigenen Sicherheitsplan für bedrohliche Situationen. Die erlebt Julia zu Beginn ihrer Zeit im Frauenhaus tatsächlich: Immer wieder versucht Christoph Kontakt zu ihr aufzunehmen, ruft an, schreibt ihr. Er macht ihr Vorwürfe, droht ihr und will die Kinder sehen. Doch nach drei, vier Wochen werden die Nachrichten weniger.

Aufgaben und Freiheit

„Der Schritt ins Frauenhaus ist nur der Anfang, die Frauen müssen danach noch so viel schaffen: eine neue Wohnung finden, einen neuen Schul- oder Kindergartenplatz, sie müssen sicherstellen, dass sie sich selbst versorgen können, müssen sich ihrer Familie und ihren Freunden erklären und dabei oft auch mit Unverständnis umgehen“, sagt Frauenhaus-Leiterin König WANN & WO. „Ich bewundere jede Frau, die das durchhält.“ Durchgehalten hat auch Julia. In drei Monaten im Frauenhaus hat sie sich praktisch ein komplett neues Leben aufgebaut. Eines, das vielleicht nicht immer leicht ist. Aber eines, das frei ist. (*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.)

„Ich bewundere jede Frau, die das durchhält.“ Cäcilia König, Leiterin Frauenhaus Vorarlberg

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