Die Hölle nach dem Frauenhaus

Wer mit Diana Ruske spricht, erlebt eine Frau, die freundlich, offen und selbstsicher wirkt. Kennt man ihre Geschichte, kann man sich kaum vorstellen, dass sie dieser starken Frau passiert. Foto: WANN & WO/Förtsch

Wer mit Diana Ruske spricht, erlebt eine Frau, die freundlich, offen und selbstsicher wirkt. Kennt man ihre Geschichte, kann man sich kaum vorstellen, dass sie dieser starken Frau passiert. Foto: WANN & WO/Förtsch

Die Geschichte einer Frau, die vor ihrem Mann flüchtete, hat viele bewegt. Eine Vorarlbergerin schildert ihr Martyrium danach.

Vor ein paar Wochen hat die Panik wieder ihre Finger um Diana Ruskes Hals gelegt. Mit einer Freundin war sie shoppen, die Begleiterin verschwand in einem Geschäft, Ruske stand allein in den Gängen voller Menschen – und konnte plötzlich nicht mehr atmen, musste einfach nur raus, raus, raus. „Nach allem, was passiert ist, bin ich auf einem guten Weg, wieder zu mir selbst zu finden. Aber mit Öffentlichkeit kann ich noch immer nicht umgehen. Meine Angst vor Männern ist einfach zu groß“, schildert Ruske WANN & WO. Die Angst, die Panikattacken, sie sind die Folge der fast unglaublichen Geschichte der Frau. „Mein Ex-Mann hat mich über Monate misshandelt. Und ist dann verschwunden.“

Geschlagen und gewürgt

Ruskes Geschichte beginnt im Jahr 2012. Über eine Freundin lernt sie ihren Ex-Mann kennen. Zu Beginn scheint alles gut. Doch schon bald zeigt er sein wahres Gesicht: „Nach einem dreiviertel Jahr bekam ich die erste Ohrfeige. Danach hat er sich unter Tränen tausendfach entschuldigt. Und ich habe ihm geglaubt. Damit fing alles an.“ Immer wieder schlägt der Mann die damals 64-Jährige, tritt sie, wirft einen Stuhl nach ihr, bricht ihr den Unterarm, das Kahnbein, die Hand gleich vierfach. Immer wieder glaubt sie ihm, wenn er sich hinterher entschuldigt. „Ich dachte, er würde sich ändern, dachte bei jedem Schlag, dass es diesmal wirklich der letzte sein würde“, erzählt Ruske WANN & WO. All die vorangegangen Angriffe sind aber nichts gegen das, was am 5. Dezember 2015 passiert. Der Mann ohrfeigt seine Frau so stark, dass sie ohnmächtig wird. Als sie wieder zu sich kommt, kann sie kaum sprechen. Sie schleppt sich ins Bad, schaut in den Spiegel – und kann anfangs gar nicht begreifen, was sie sieht: Ihr Auge ist zugeschwollen, ihr Körper übersät mit blauen Flecken. Und an ihrem Hals hat sie Würgemale. „Er hat nicht nur weiter auf mich eingeschlagen, als ich bereits ohnmächtig war. Er hat mich währenddessen auch gewürgt.“ Von ihrem damaligen Mann: keine Spur. Eine Freundin fährt sie ins Krankenhaus. Nach zehn Tagen im Spital zieht Ruske für ein Vierteljahr ins Frauenhaus. Es könnte die Geschichte einer Rettung und ein glückliches Ende sein. Ist es aber nicht.

Der Horror danach

„Wenn eine Frau ins Schutzhaus flüchtet ist das nur der Beginn. Was danach folgt ist ein fast noch größerer Horror“, bekräftigt Ruske. Denn danach bedeutet: Anzeigen, Prozesse, Gutachten, Vorwürfe, Zweifel an der Geschichte der Frau und sogar an ihrer psychischen Gesundheit. So war es auch bei der Götznerin: Sie zeigt ihren Mann an – und wird in ihren Augen selbst als Verbrecherin behandelt. „Die Gutachter, Staatsanwälte und Richter unterstellten mir, dass ich mir die Verletzungen selbst zugefügt hätte. Immer wieder sollte ich Psychologen beweisen, dass ich mich nicht selbst verletzt habe.“ Letzten Endes wird ihr Ex-Mann zwar der zweifachen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen. Wiedergutmachung hat Ruske bis heute nicht gesehen: Ihr Ex-Mann ist direkt nach der Tat nach Deutschland geflohen und entzieht sich bis heute so seiner Strafe. „Das Schlimmste ist die Ungerechtigkeit. Und die passiert nicht nur mir, sondern allen Frauen, die sich gegen ihre Ex-Männer auflehnen. Man wird vom Rechtssystem fertig gemacht.“ Dagegen zu kämpfen ist heute Ruskes Mission: „Es geht mir nicht um mich. Ich will auch niemanden fertig machen. Ich will öffentlich machen, wie täterfreundlich das System ist, wie es den Frauen noch den letzten Rest gibt. An diesem System muss sich etwas ändern.“

„Ich will öffentlich machen, wie täterfreundlich das System ist, wie es den Frauen noch den letzten Rest gibt.“

Diana Ruske

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