Im Auftrag diskriminiert?

Schon in ihrer Kindheit hatte Vivienne das Gefühl, sie sei nicht Mario. Heute traut sie sich, ihre Transidentität frei auszuleben. Fotos: Sams

Schon in ihrer Kindheit hatte Vivienne das Gefühl, sie sei nicht Mario. Heute traut sie sich, ihre Transidentität frei auszuleben. Fotos: Sams

Vivienne brauchte Jahre, um genug Mut für das Outing als transsexuell zu sammeln. Jetzt hat sie es geschafft – und wird vom Land vor neue Probleme gestellt.

Zugegeben: Viviennes Lidstrich ist noch ein klein wenig zittrig – man sieht, dass sie noch nicht ihr ganzes Leben lang an den Umgang mit Kajalstift und Wimperntusche gewöhnt ist. Das ist kein Wunder: Vivienne wurde als Mario geboren. Die 30-Jährige ist transident, fühlt sich also nicht dem Geschlecht zugehörig, mit dem sie geboren wurde. Nachdem sie sich kürzlich nach über zehn Jahren Geheimhaltung geoutet hat, ist ihr größter Wunsch jetzt: endlich die Personenstandsänderung bekommen, also offiziell als Frau Vivienne Bont anerkannt werden. Eigentlich eine simple Dienstleistung beim Bürgerservice – aber offenbar nicht in Bludenz.

Schreiben wird ignoriert

„Dreimal war ich jetzt schon vor Ort im Bürgerservice. Und jedes Mal wurde mir die Personenstandsänderung verwehrt“, klagt Vivienne gegenüber WANN & WO. „Ich habe auch von Freunden aus der Trans-Community hier im Ländle erfahren, dass es bei den Standesämtern anderer Städte und Gemeinden nicht solche Probleme geben soll. Offenbar stellt sich nur Bludenz quer.“ Die Angestellten der Alpenstadt beriefen sich dabei jedes Mal darauf, dass sie eine Begutachtung vom Facharzt vorlegen müsse. „Das war einmal so geregelt, richtig“, sagt die 30-Jährige. „Aber das Bundesministerium für Gesundheit hat inzwischen eine neue Empfehlung verfasst. Und darin steht ausdrücklich, dass eine psychotherapeutische Stellungnahme ausreicht.“ Die hat Vivienne, offiziell verfasst und unterschrieben von der Dornbirner Psychotherapeutin Margit Türtscher-Drexel. In diesem Schreiben, dass WANN & WO vorliegt, steht auch eindeutig, dass Vivienne die zwei weiteren Voraussetzungen für eine Personenstandsänderung erfüllt: nämlich die Einschätzung der Expertin, dass sich an dem „geschlechtlichen Zugehörigkeitsempfinden aller Voraussicht nach nichts ändern wird“ und dass Viviennes „äußeres Erscheinungsbild dem Identitätsgeschlecht angenähert ist“. Letzteres erkennt auch jeder Laie auf den ersten Blick: Vivienne trägt Kajal, Wimperntusche und Lippenstift, hat lackierte Fingernägel, pink gefärbte Haare und trägt Frauenkleidung.

Pikanter Brief vom Land

Eine Rolle bei der Sturheit der Bludenzer Beamten dürfte wohl auch ein pikantes Schreiben vom Land Vorarlberg spielen, das WANN & WO vorliegt. Darin verweist das Amt der Vorarlberger Landesregierung auf einen Termin zur Begutachtung durch einen Facharzt, den Vivienne Mitte Mai hat – und befiehlt dem Bludenzer Standesamt praktisch direkt, Vivienne gegen Wände laufen zu lassen: „Das Verfahren zur Geschlechtsänderung sollte bis zur Vorlage des fachärztlichen Gutachtens ausgesetzt werden.“

Ministerium urteilt anders

Nicht nur, dass das Land Vivienne damit Steine in den Weg legt – es stellt sich auch gegen die Empfehlung des Bundesministeriums, eine Beurteilung durch einen Psychotherapeuten anzuerkennen. Jetzt könnte man sich natürlich fragen: Wenn Vivienne ohnehin schon Mitte Mai einen Begutachtungstermin bei einem Facharzt hat, warum dann der ganze Aufwand, warum nicht einfach bis dahin warten? „Es geht mir einfach um Respekt. Ich empfinde diese angeordnete Begutachtung durch eine völlig fremde Person als demütigend. Meiner Therapeutin habe ich mich anvertraut, sie kennt mich in- und auswendig und kann meine Transsexualität ja wohl am besten einschätzen“, sagt Vivienne. „Und natürlich will ich auch etwas gegen dieses diskriminierende System tun und anderen Menschen ein Stück weit den Weg ebnen.“ Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. „Wenn es nötig ist, gehe ich jeden Tag zum Bürgerservice, bis ich die Personenstandsänderung habe“, sagt Vivienne WANN & WO. „Ich lasse mich nicht unterkriegen. Das war Marios Ding. Vivienne ist stark.“

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