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Limo, Pillen und Hustensaft

Hustenstiller-Flaschen sind die Lieblingsrequisite in Trap-Videos wie hier von Shoreline Mafia.  Screenshot: Youtube

Hustenstiller-Flaschen sind die Lieblingsrequisite in Trap-Videos wie hier von Shoreline Mafia.  Screenshot: Youtube

Der Trap-Hype hat nicht nur Musik, sondern auch gefährliche, neue Partydrogen ins Ländle gebracht. W&W sprach mit Experten.

Das Herz rast, die Hände sind schwitzig und der Kopf weiß keine Antwort darauf, ob das von einer Panikattacke oder dem wummernden Bass und der Menschenmenge auf der Party kommt. Die Hände führen eine längliche Tablette zum Mund, die Zähne beißen ein Stück ab – und das Angstgefühl verschwindet. Aber auch jedes andere Gefühl. Zurück bleibt nur: Leere. Xanax dämpft jede Emotion und Empfindung. Das Medikament wird als Beruhigungsmittel zur Behandlung etwa von Angst-störungen eingesetzt. Und aktuell auch in Vorarlberg immer häufiger als Droge missbraucht. Dabei ist es alles andere als ungefährlich: Heath Ledger etwa hatte vor seinem Tod nachweislich Xanax konsumiert.

Verbindung zu Heroin

„Xanax, Makatussin, Ritalin und andere Mittel sind an sich keine ‚modernen‘ Drogen, sondern altbekannte Substanzen, die zweckentfremdet werden“, weiß Dr. Kirsten Habedank, interimistische ärztliche Leiterin der Stiftung Maria Ebene. „Ritalin etwa ist hinlänglich bekannt als Amphetamin, welches zur Behandlung von ADHS verordnet wird.“ Und auch Makatussin sei demnach nichts anderes als ein pflanzliches Hustenmittel – welches auch mit Zusatz von Codein, einem Opioid wie es auch Heroin ist, verkauft wird. In der Szene ist es angesagt, den Hustenstiller mit Limonade zu mischen. Dabei wüssten viele Nutzer nicht, was sie da konsumieren, sagt „Ex & Hopp“-Obmann Bernhard Amann auf W&W-Anfrage: „Freizeitdrogenkonsumenten identifizieren sich nicht mit dem Bild des ‚Junkies‘. In ihrer Wahrnehmung gilt Heroin als Loserdroge“, so der Fachmann. „Wenn ich junge Codeinkonsumenten damit konfrontiere, dass Codein und Heroin derselben Substanzgruppe angehören, reagieren sie oft negativ überrascht.“ Bei der „Ex & Hopp“-Beratungsstelle in Dornbirn gab es laut Amann bereits 20 Anfragen zum Thema, besonders zu aufputschenden Stoffen. „Das passt zum Zeitgeist: Leistung bringen, den eigenen Marktwert erhöhen“, sagt Amann. „Man kann länger und ist selbstbewusster, bietet mehr auf dem ‚Markt des Nachtlebens‘. Das wird auch gesellschaftlich vorgelebt.“ In der Drogenberatung würden diese Stoffe „sukzessive“ präsenter, so Amann. Diese Einschätzung teilt auch Dr. Habedank: „In den Präventionsworkshops wird vermehrt zum Thema nachgefragt.“ Aber auch in den Beratungsstellen sei das Thema präsent: Allein im Clean Bregenz habe es in den vergangenen sechs Monaten fünf Anfragen gegeben.

Darknet und Snapchat

Die neuen „Highs“ werden oft in Verbindung mit Trap-Musik gebracht (siehe Interview in der Randspalte). Dr. Habedank spricht von Deutschrappern, die „drogenverherrlichende und somit schlechte Vorbilder abgeben“. Amann habe hingegen erst einmal von einem Zusammenhang zur Szene gehört. „Von Beeinflussung im Sinne von ‚Versuchung‘ kann – noch – nicht die Rede sein.“ Einig sind sich die beiden Experten aber über die Beschaffungs- und Vertriebswege: Demnach werden die Substanzen häufig im Darknet bestellt und über soziale Medien, allen voran Snapchat, verbreitet. Wenn sie nicht gleich in der Apotheke gekauft werden – es sind ja „nur“ Medikamente. Leeregefühl, Abhängigkeit und Abrutschen gibt es gratis dazu.

<p class="caption">Bernhard Amann</p>

Bernhard Amann

<p class="caption">Dr. Kirsten Habedank</p>

Dr. Kirsten Habedank

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