„Krebs, oder wie ich es nenne: Kacke“

Furkans Mutter Rabiye lebt eigentlich in der Türkei. Sie besuchte Furkan gerade, als er seine Diagnose bekam – und blieb von da an an seiner Seite. Fotos: handout/privat

Furkans Mutter Rabiye lebt eigentlich in der Türkei. Sie besuchte Furkan gerade, als er seine Diagnose bekam – und blieb von da an an seiner Seite. Fotos: handout/privat

Mit nur 17 Jahren erhält Furkan die Diagnose Krebs – im Endstadium. Doch statt alle Hoffnung fahren zu lassen, bietet er der Krankheit die Stirn. Auf seine ganz eigene Weise.

Vor einigen Tagen hat Furkan Yalcin sich wahnsinnig geärgert. Ein Nagel war ihm eingerissen. „Und dann habe ich mich gefreut. Denn ich dachte: Wenn ich mich über so eine Kleinigkeit ärgern kann, dann geht es mir ja richtig gut.“ Dabei tut es das, aus medizinischer Sicht jedenfalls, nicht. Der 17-Jährigen hat Krebs. „Lymphdrüsenkrebs. Im Endstadium“, erklärt er im Gespräch mit WANN & WO.

Ganz unten sein, lässt nur noch eine Richtung zu

Die Diagnose bekommt Furkan am 20. November vergangenen Jahres. Sofort wird er auf die Uniklinik Innsbruck überwiesen, wird bereits am zweiten Tag auf die Intensivstation verlegt – drohender Herzinfarkt, weil das Tumorgewebe auf den Brustkorb drückt. „Ich habe anfangs gar nicht wirklich realisiert, was da passierte“, erinnert sich der Bludenzer.
Irgendwann konnte er nicht einmal mehr sitzen vor Schwäche – ganz zu schweigen von der psychischen Belastung: „Es geht dir nicht schlecht, es geht dir scheiße.“ Doch Furkan ist klar: Von ganz unten gibt es nur noch den Weg nach oben. „Ich habe für den Moment aufgehört, mich zusammenzureißen und habe stattdessen alles rausgelassen. Die ganze Angst, die Verzweiflung, das Gefühl des Alleinseins, ich habe das alles zugelassen. Ich habe viel geweint, statt alles in mich hineinzufressen.“

Furkans Rezept: Humor

Und dann war es vorbei. „Mir ist klar geworden, dass das alles sein darf. Mir darf es schlecht gehen, ich darf verzweifelt sein“, schildert der 17-Jährige. „Aber genauso darf es mir auch wieder gutgehen. Ich darf mich freuen, ich darf glücklich sein und das auch zeigen. Ich sage immer, es ist kein Kampf gegen den Krebs, sondern ein Zusammensein mit ihm.“ Denn auch wenn die Situation medizinisch betrachtet die Gleiche bleibt: Nicht jeden Tag kämpfen zu müssen, nimmt eine riesige Last von Furkans Schultern. „Und letztlich ist der Humor das Wichtigste“, ist der junge Patient überzeugt. „Nur der hilft gegen die Verzweiflung, die der Krebs mit sich bringt.“

Make-Up-Lover mit Glatze

Diesen Humor zeigt er etwa, wenn er bei Instagram seine Krankheit mit den Worten „Non Hodgin T-Zell Lymphom Stadium 4, Lymphdrüsenkrebs, oder wie ich es nenne: eine einzige Kacke“ vorstellt. Wenn eine besorgte Schwester ihm sagt, dass er blass aussehe und er antwortet: „Nicht so schlimm, solange ich nicht wie ein Krebspatient aus-sehe.“ Oder wenn er Selfies mit Glatze und Augenschatten postet und dazu schreibt: „No make-up, no filter.“ Überhaupt zeigt der Umgang mit seinem Äußeren die Stärke des Friseurs und selbsternannten Make-Up-Lovers. „Ich habe mich vorher gern geschminkt, das war schon immer meine Leidenschaft und ich tue das auch jetzt noch – auch wenn es aufgrund der Chemo jetzt eher bei Lipgloss bleibt und ich die Augenbrauen nicht stylen kann. Und ich stehe voll und ganz zu meiner Glatze, sie ist ein Teil von mir.“ Genau das zeigt er im Social Media. Mit dem Ziel, anderen Krebspatienten damit zu helfen. „Ich weiß selbst, wie sich die Verzweiflung und die vermeintliche Einsamkeit anfühlen, wie man nicht weiß, wohin mit seinen Fragen. Ich will für andere da sein. Und zeigen, dass es wichtig ist, nicht den Mut zu verlieren. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Angehörigen.“ Und dann kann man sich auch über einen eingerissenen Nagel ärgern.

<p class="caption">„Humor ist das Wichtigste“, sagt Furkan, „nur der hilft gegen die Verzweiflung.“</p>

„Humor ist das Wichtigste“, sagt Furkan, „nur der hilft gegen die Verzweiflung.“

<p class="caption">Der 17-Jährige will die Krankheit nicht schönreden – und zeigt in Social Media auch die dunklen Seiten.</p>

Der 17-Jährige will die Krankheit nicht schönreden – und zeigt in Social Media auch die dunklen Seiten.

„Es geht dir nicht schlecht, es geht dir scheiße.“ Furkan Yalcin, Krebspatient und Cancer Fighter

„Ich darf verzweifelt sein. Aber genauso darf ich auch wieder glücklich sein.“ Furkan Yalcin, Krebspatient und Cancer Fighter

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