„Sprachförderung muss früh beginnen“

Zankapfel nichtdeutsche Muttersprache an Vorarlberger Schulen – W&W bleibt an dem heiß diskutierten Thema dran. Symbolfoto: Steurer

Zankapfel nichtdeutsche Muttersprache an Vorarlberger Schulen – W&W bleibt an dem heiß diskutierten Thema dran. Symbolfoto: Steurer

Heiß diskutiert und emotional aufgeladen – das Thema Muttersprache in und abseits des Schulunterrichts. W&W sprach mit Christian Kompatscher (Leiter Fachbereich Inklusion, Diversität und Sonder­pädagogik) von der Bildungsdirektion.



Wie wichtig ist Ihrer Ansicht nach das frühest­­mögliche Erlernen der deutschen Sprache für Kinder mit nicht-deutscher Mutter-/Umgangssprache?
Die wichtigste Voraussetzung für den Bildungserfolg und für eine gelingende Integration ist das frühe Erlernen der deutschen Sprache. Um gute Bildungserfolge zu erzielen, muss die Sprachförderung jedoch schon sehr früh in den Familien beginnen. Hier spielen die Eltern als nahe Bezugspersonen eine sehr wichtige Rolle in der sprachlichen Entwicklung ihrer Kinder. Wird das Erlernen der deutschen Sprache in den zugewanderten Familien vernachlässigt, wirkt sich das oftmals sehr stark auf die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen aus.

Wie wichtig ist zudem der Einsatz von Muttersprache­lehrern in den Vorarl­­berger Schulen? Die Forschung ist sich einig, wer seine Muttersprache sehr gut beherrscht, hat auch bessere Chancen, hohe Sprachkompetenzen in der deutschen Sprache zu erwerben. Deshalb gibt es in vielen Bundesländern Ansätze mit Muttersprachenlehrer/innen intensiver zusammenzuarbeiten, die Maßnahmen in der Sprachförderung noch stärker zu verzahnen und die Sprachförderung als ein „ganzheitliches Konzept“ zu betrachten. So versuchen auch wir in Vorarlberg, mit den vorhandenen personellen und sprachlichen Ressourcen aus dem muttersprachlichen Bereich (Muttersprachenlehrer/innen) unterschiedlichste Schulsettings wie Elternabende, Kind-Eltern-Lehrergespräche, Deutschförderklassen, etc. zu unterstützen.

Wie sehen Sie die Vorarlberger Schulen in Sachen Lehrpersonal aufgestellt? Auch in Hinblick auf zukünftige Entwicklungen? In einer zunehmend heterogenen Gesellschaft ist die kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt mittlerweile nicht nur in den Vorarlberger Schulklassen, sondern auch im Lehrerzimmer angekommen und ist ein Teil der alltäglichen schulischen Realität geworden. Immer mehr Lehrer, Freizeitpädagogen/-innen und Mitarbeiter/innen der Mittagsbetreuung mit eigener Migrationserfahrung gehören den Schulteams an, die tagtäglich einen sehr wichtigen und wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Kultur- und Bildungsauftrags leisten.

80 Prozent Schüleranteil nicht-deutscher Muttersprache an der NMS Bregenz-Rieden, über 75 Prozent an der VS Bregenz-Rieden: Wie sehen Sie solche Entwicklungen im Sinne eines guten Miteinanders und was halten Sie von Begriffen wie „Brennpunkt-“ oder „Hotspot-Schulen“? Der hohe Anteil von Schüler/innen mit Migrationshintergrund in vielen städtischen Schulen Vorarlbergs ist Ergebnis der Siedlungsstruktur und des Suchens vieler Eltern nach schulischen Alternativen, wenn an einer Schule die Mischung der Schüler/innen nicht mehr der „Durchschnittzusammensetzung“ der Bevölkerung entspricht. Eltern – mit und ohne Migrationshintergrund – überlegen, ihren Wohnsitz zu verändern und in ländlichere Gegenden zu ziehen, suchen nach Alternativen im Privatschulbereich oder durch einen Schulbesuch in einer Nachbargemeinde. Ab der Sekundarstufe stehen dann für manche Schüler/innen mit Schwerpunktmittelschulen und den Gymnasien auch Alternativen zur Verfügung. Diese städtischen Schulen müssen jedoch in ihrer Arbeit besonderes unterstützt werden, was aktuell auch mit dem Projekt für Schulen mit besonderen Herausforderungen „Chancen erweitern, Möglichkeiten eröffnen“ geschieht. Bildungschancen für Kinder zu steigern, ist unter solchen Bedingungen herausfordernd, aber möglich, das zeigen Ergebnisse aus anderen Ländern und letztlich sind es die Lernergebnisse, die Bildungschancen und die sozialen Kompetenzen, die unsere Kinder für das Leben stärken. Diese Voraussetzungen für die Kinder und Jugendlichen können an jedem Schulstandort unterstützt werden. Trotz der vielen Herausforderungen, die diese Heterogenität mit sich bringt, sprechen wir hier nicht von „Brennpunktschulen“, sondern von Schulen mit besonderen Herausforderungen, denen es mit Unterstützung gelingen kann, dieser Vielfalt positiv zu begegnen und sie als kulturelle und sprachliche Bereicherung für unsere Schule und Gesellschaft zu sehen.

<p class="caption">Christian Kompatscher</p>

Christian Kompatscher

„ ... sprechen wir hier nicht von ‚Brennpunktschulen‘, sondern von Schulen mit besonderen Herausforderungen, denen es mit Unterstützung gelingen kann, dieser Vielfalt positiv zu begegnen und sie als kulturelle und sprachliche Bereicherung für unsere Schule und Gesellschaft zu sehen.“

Christian Kompatscher, Bildungsdirektion Vorarlberg

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