„Größtenteils solidarisches Miteinander“

Das sonst so belebte Zürich West in Zeiten von Corona wie ausgestorben. Fotos: handout/Metzler

Das sonst so belebte Zürich West in Zeiten von Corona wie ausgestorben. Fotos: handout/Metzler

Julian (32) aus Rankweil zog es vor sieben Jahren beruflich nach Zürich. Mit W&W sprach der Arzt über den Corona-Alltag in der Metropole.

WANN & WO: Inwiefern hat sich dein Leben durch die Einschränkungen des Staates verändert?

Julian Metzler: Der Spitalbetrieb musste relativ früh auf ein Minimum heruntergefahren werden, um Kapazitäten für eine drohende Welle an Patienten zu schaffen. Es wurden nur noch Notfalleingriffe oder dringliche Operationen durchgeführt. Wir rechneten damit, unabhängig der Fachrichtung, für die Betreuung von COVID-19-Patienten eingesetzt zu werden. Diese Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Mich erschreckte aber die Fragilität der Lieferketten in unserer globalisierten Welt und der Egoismus mancher Menschen. Während Masken und Desinfektionsmittel für gewisse Zeit schwer zu beschaffen waren, wurden diese Produkte vermehrt aus dem Spital gestohlen.

WANN & WO: Wie gingen deine Bekannten mit der Situation um?

Julian Metzler: Anfangs gab es sicherlich eine gewisse Angst und Unsicherheit, wie die Situation hierzulande aussehen wird. Im April war die Schweiz einige Zeit lang das Land mit den meisten Erkrankungsfällen pro Kopf, was uns stark verunsicherte. Nach den ersten Wochen empfand ich in unserem Team aber eher eine konstruktive Stimmung im Sinne einer gemeinsamen Bewältigung der Krise. Die Entschleunigung mit weniger Meetings, Terminen und anderen Verpflichtungen wurde auch hier von vielen Kollegen positiv aufgenommen.

WANN & WO: Welche Auswirkungen hatte Corona auf die Gesellschaft und das „Straßenbild“?

Julian Metzler: Die Zürcher Bahnhofstrasse ohne Touristen oder die Seepromenade menschenleer zu sehen, sind eindrückliche Momente. Insgesamt erlebten wir größtenteils ein solidarisches Miteinander. Während in den Supermärkten zwar Masken lange Zeit kein Thema waren, wurde strikt auf Händehygiene und maximale Besucherzahlen pro Quadratmeter geachtet. Die Menschen achteten in Lebensmittelläden und im öffentlichen Verkehr genau auf den Mindestabstand. Inzwischen hat das Pflichtbewusstsein etwas nachgelassen. Persönlich finde ich es gut, dass das Betreten des öffentlichen Raums weniger stark eingeschränkt wurde, sodass unter Einhaltung eines Mindestabstandes Unternehmungen an der frischen Luft problemlos möglich waren.

WANN & WO: Wie bewertest du die Maßnahmen in der Schweiz?

Julian Metzler: Vor allem Anfang März war der Grundtenor in den Zeitungen und sozialen Medien, dass die Schweiz zu langsam reagiere. Viele Menschen wünschten sich einen schnelleren und konsequenteren Lock-Down, wobei Österreich oft als Vorbild genommen wurde. Inwiefern diese initiale Verzögerung strengerer Maßnahmen zu den schlussendlich fast doppelt so hohen Fallzahlen führte und wieweit andere Faktoren diesen Outcome beeinflussen, kann nicht beantworten werden. Obwohl jetzt wieder Populisten mit einfachen Antworten auf Stimmenfang gehen, ist die epidemiologische Situation zu komplex und die Welt nicht immer schwarz und weiß.

WANN & WO: Wie geht die österreichische Politik deiner Meinung nach mit der Corona-Situation um?

Julian Metzler: Das rasche Handeln und das einheitliche Auftreten der österreichischen Regierung wurden in der Schweiz eher positiv wahrgenommen. Sowohl in der Schweiz wie auch in Österreich gab es aber Politiker, die versuchten, diese Bühne zum eigenen Vorteil zu nutzen. Auch die Verabschiedung von Verordnungen und Gesetzen im „Schnelldurchlauf“ zeigte, wie problematisch dies sein kann. Für Österreich wünsche ich mir eine zügige und geregelte Rückkehr zur Normalität mit einer optimistischen, solidarischen Gesellschaft ohne Ängste und Zwänge. 

<p class="caption">Blick über die City.</p>

Blick über die City.

<p class="caption">Die Züricher Altstadt.</p>

Die Züricher Altstadt.

<p class="caption">Auch das Seebecken zeigte sich ungewohnt leer gefegt.</p>

Auch das Seebecken zeigte sich ungewohnt leer gefegt.

<p class="title">Zur Person: Julian Metzler</p><p>Alter, Herkunft: 32 Jahre, gebürtig aus Rankweil</p><p>Ausbildung: Studium (Medizin) in Innsbruck</p><p>Beruf: Arzt an einem Züricher Krankenhaus</p><p>Wohnhaft: Zog aufgrund einer Ausbildungs-stelle an einem großen Spital nach Zürich.</p>

Zur Person: Julian Metzler

Alter, Herkunft: 32 Jahre, gebürtig aus Rankweil

Ausbildung: Studium (Medizin) in Innsbruck

Beruf: Arzt an einem Züricher Krankenhaus

Wohnhaft: Zog aufgrund einer Ausbildungs-stelle an einem großen Spital nach Zürich.

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