„Muss mein Leben hinten anstellen!“

Maria (1. Reihe, m.) umgeben von ihrer Großfamilie.  Fotos: handout/Maksimovic

Maria (1. Reihe, m.) umgeben von ihrer Großfamilie.
Fotos: handout/Maksimovic

Nicht alles ist Gold, was glänzt: Maria Maksimovic (27) über ihr reales Leben entgegen dem Bild, das viele von ihr haben.




Das Dornbirner Model Maria Maksimovic (27) hat es satt! „Viele Menschen in Vorarlberg behaupten, mich zu ‚kennen‘, haben aber keine Ahnung. Viele staunen beispielsweise immer darüber, dass ich so eine Frohnatur sei. Ich scheine das Gefühl zu vermitteln, immer alles mit Leichtigkeit auf die Reihe zu bekommen. Dabei fühle ich mich innerlich abgestumpft. Auch ich bin irgendwann mit meinen Nerven am Ende. Wenn ich abends im Bett liege, graut es mir schon vor dem nächsten Tag, da ich einfach nicht mehr weiß, wie ich alles schaffen soll. Es ist so anstrengend,
diese Fassade aufrecht zu erhalten. Wüssten die Menschen, wie mein Leben wirklich aussieht, würde sich wohl das Bild der meisten von mir verändern. Darum will ich nun meine Geschichte erzählen.“

Flucht nach Österreich

Und diese beginnt im Jahr 1991/1992 mit der Flucht der Familie Maksimovic nach Österreich: „Zur Zeit des Jugoslawienkriegs lebte meine Familie in einer bosnischen Provinz. Wir gehörten einer serbischen Minderheit an. Auf beiden Seiten wurden Menschen vertrieben. Das Haus meiner Mutter wurde niedergebrannt, das meines Vaters geplündert und zerschossen.“ So kam es, dass Maria und ihre sieben jüngeren Geschwister in Vorarlberg aufwuchsen. Doch auch in der neuen Heimat lernten sie nicht gerade die Sonnenseite des Lebens kennen: „Schon als kleines Kind war es meine Aufgabe, mit meiner Mutter putzen zu gehen, mich um meine Geschwister zu kümmern und den Haushalt zu schmeißen, während meine Eltern bei der Arbeit waren. Eine richtige Jugend mit Feiern, Freunden oder Hobbys war quasi unmöglich. Neben den ersten richtigen Mini-Jobs, die wir alle machen mussten, gab es im Haushalt und mit den Kindern immer etwas zu tun. Zeit für Vergnügen blieb da nicht.“ Die heute 27-Jährige trauert dieser Zeit jedoch nicht nach. Sie beteuert, dass gerade sie und die älteren der acht Geschwister so für das Leben abgehärtet worden seien und früh schon Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit erlernten. „Doch irgendwann hatte ich genug und musste weg. Geld für ein Studium hatten meine Eltern aber einfach nicht übrig. Da hilft auch kein Stipendium, wenn trotzdem kein Geld für Möbel oder Miete da ist. Also ging ich ein Jahr lang im Krankenhaus Dornbirn putzen, um so Geld auf die Seite zu bekommen, damit ich endlich mein eigenes Leben anfangen konnte.“ Eine Zeit langt klappte dies auch ganz gut. Maria arbeitete in Freiburg an ihrem Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre und war nebenher für Praktika oder Modeljobs viel im Ausland unterwegs. Doch dann kam alles anders.

Diagnose: Inoperabel

Im vergangenen Jahr wurde bei Marias Mutter Radinka ein Gehirntumor festgestellt. Die Diagnose lautete: inoperabel. Die achtfache Mutter verlor fast zur Gänze ihr Augenlicht, war plötzlich auf die ständige Pflege ihrer Familie angewiesen. „Weil meine zweitälteste Schwester Stojanka selber gerade Mutter geworden ist und Milanka (23) Vollzeit arbeitet, war klar, dass ich als die Älteste unter uns wieder nach Hause ziehen muss, um die Organisation ‚Großfamilie‘ am laufen zu halten. (WANN & WO berichtete.) Weil es sehr schwierig ist, Studium, Modeljob, mein Tun als Influencerin, eine pflegebedürftige Mutter, den Haushalt und das Versorgen meiner Geschwister unter einen Hut zu bringen, bedarf es fast schon militärischem Drill.“ Doch eines kann Maria keinem ihrer Familienmitglieder abnehmen: Die Angst vor dem Verlust ihrer Mutter. „Irgendwie verarbeitet das jeder für sich selbst. Zusammen als Familie haben wir noch nie richtig über dieses Thema gesprochen. Wahrscheinlich traut sich auch keiner so wirklich, das Ganze anzusprechen. Der Umgang untereinander hat sich aber extrem verändert. Man nimmt viel mehr Rücksicht auf die anderen, besonders auf Mama. Alle machen auf stark, dabei weiß ich, dass die Angst in jedem unglaublich groß ist.“

Plötzlich Oberhaupt
einer Großfamilie

Zu dieser Angst gesellt sich im Fall von Maria noch die enorme Überforderung durch ihre neue Rolle als Familienoberhaupt dazu: „Ich muss mein eigenes Leben für meine Familie hinten anstellen. Das wissen auch meine Eltern. Es tut ihnen weh, wenn ich sage, dass ich niemals eine eigene Familie haben möchte, weil mir diese schon reicht. Denn ich habe schon vor einigen Jahren gemerkt, dass ich sämtliche Nerven und Geduld verloren habe. Schon seit dem Teenager-Alter fühle ich mich dem Burnout nahe, aber ich kann ja nicht einfach aufhören. Aber schlussendlich, wenn wir alle gemeinsam unseren Opa besuchen oder einfach nur zu Hause rumblödeln und ich die Freude meiner Mutter darüber sehe, dass wir so zusammenhalten, denke ich mir, dass ich ein riesiges Glück habe, auch wenn es gerade nicht einfach ist. Schlechte Zeiten gehören zum Leben dazu. Aber keiner von uns wird jemals alleine sein. Jeder wird auf die Hilfe des anderen zählen können – immer!“

„Ich scheine das Gefühl zu vermitteln, immer alles mit Leichtigkeit auf die Reihe zu bekommen. Es ist so anstrengend, diese Fassade aufrecht zu erhalten. (...) Wenn ich abends im Bett liege, graut es mir schon vor dem nächsten Tag, da ich einfach nicht mehr weiß, wie ich alles schaffen soll.“

Maria Maksimovic (27) aus Dornbirn, BWL-Studentin, Model und Influencerin

„Schon als Kind war es meine Aufgabe, mit meiner Mutter putzen zu gehen, mich um meine Geschwister zu kümmern und den Haushalt zu schmeißen, während meine Eltern bei der Arbeit waren.“

Maria Maksimovic (27) aus Dornbirn, BWL-Studentin, Model und Influencerin

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