„Chicago im Ländle“

Polizeibild des Fahrzeugs eines ­hingerichteten Zuhälters in Lustenau.

Polizeibild des Fahrzeugs eines ­hingerichteten Zuhälters in Lustenau.

So beschreibt Autor Sigi Schwärzler aus Dornbirn in seinem kommenden Buch „Rotlicht – Blutiges Milieu in Vorarlberg“ die Zeit der blutigen Zuhälter­kriege im Ländle.

Zahllose Stunden investierte der Lokalhistoriker in die Recherchen für sein im Herbst dieses Jahres erscheinendes und mit brisanten Details vollgepacktes Buch. Zuvor wurde der 67-Jährige gewarnt – es könnte „Schwierigkeiten“ geben. Doch, so sagt der pensionierte Unteroffizier des Bundesheeres im Gespräch mit WANN & WO: „Der, der mir Schwierigkeiten macht, muss erst noch geboren werden. Ich kenne weder Angst noch Geld.“

Eine finstere Ära

„Bis zur Aufhebung des Landstreichergesetzes gab es in Vorarlberg keine Prostituiertenmorde, keine Schusswaffendelikte und vor allem keine Zuhälterfehden“, informiert Schwärzler. Durch die stark gestiegene Zahl der „Dirnen und Strizzis aus Innerösterreich“ kam es bereits seit 1974 – wenige Monate nach der strafrechtlichen Liberalisierung – wegen Konkurrenzstreitigkeiten unter Zuhältern zu schweren Auseinandersetzungen, die bis in die 90er-Jahre nicht abgerissen hatten. Bis zu 300 „Bordsteinschwalben“ bevölkerten in den späten 1970er- und in den 1980er-Jahren den illegalen Straßenstrich oder gingen in diversen Geheimbordellen zwischen Bregenz und der Schweizer Grenze dem horizontalen Gewerbe nach. Im Kampf um Macht und Moneten entlang der „Goldmeile“ (Betonstraße L 202) lieferten sich heimische Zuhälter sowie Stenze und ihre „Buckel“ aus Ostösterreich untereinander gnadenlose Revierkämpfe, die oft in Mord und Totschlag endeten.

Tödliche Konflikte

Die Zuhälter schlossen sich zu verschiedenen Cliquen zusammen, die sich regelmäßig bekämpften und eine kaum vorstellbare Brutalität an den Tag legten. „Jede Gruppierung wollte die Vorherrschaft, es herrschte zeitweise Krieg am Straßenstrich: Chicago im Ländle“, so Schwärzler weiter.. So wurde beispielsweise 1978 in Lustenau ein 24-jähriger Zuhälter in „Wildwestmanier“ aus dem fahrenden Auto heraus erschossen. Während die Täter die Flucht ergriffen, krachte der führerlose Amischlitten in der Rotkreuzstraße in voller Fahrt gegen das Haus eines weiteren Strizzis. Um Milieuprobleme zu verhandeln, trafen sich 1983 sieben mit Revolvern und Pistolen bewaffnete Zuhälter im ehemaligen Gasthaus „Helvetia“ in Lustenau. Statt einer einvernehmlichen Lösung gab es eine wilde Schießerei. Die Bilanz des bleigeladenen „Meetings“: zwei Tote, ein Schwerverletzter. Auch Freier bekamen hin und wieder deren Ruchlosigkeit zu spüren. „Sprengstoffattentate, Messer, Pistolenkugeln, Handgranaten und erwürgen: Das Repertoire an krassen Tötungsmethoden ließ beinahe nichts aus.“

Jack Unterweger

Zwischen 1976 und 2000 verzeichnet die Vorarlberger Kriminalstatistik elf Zuhälter- sowie fünf Prostituiertenmorde. Von Letzteren blieben drei ungeklärt, in zwei Fällen wurden die Täter ermittelt. Schwärzler: „Es waren Verbrechen abartiger Freier. In einem Fall trieb der berüchtigte Serienmörder Jack Unterweger sein Unwesen.“

Fehlgeschlagene Attentate

Etwas ruhiger soll es beim zweiten Rotlicht-Hotspot Feldkirch zugegangen sein: „Hier hatten vor allem die konkurrierenden ,Bosse‘ – der Bordellier Hans L. und der Zuhälter Franz H. – das Sagen. Ein gedungener Killer kam ins Spiel, der bei einem Schusswechsel mit dem Leibwächter in der Montfortstadt das Zeitliche segnete.“ Es erforderte jahrelange massivste Anstrengungen, bis die Gendarmerie den Sumpf des Verbrechens trockenlegen konnte. In diese Zeit fällt die Gründung der Ländle-Cobra und der Soko Sitte. Anfang der 1990er-Jahre konnten Exekutive und Justiz im harten Durchgreifen mit dem Straßenstrich aufräumen.

„Hundert illegale Bordelle“

Die Zeiten der Zuhälterkriminalität im Ländle sind vorbei, im Milieu ist es ruhiger geworden. Man rechne dies unter anderem der verschärften Gesetzeslage und dem Umstand zu, dass der Straßenstrich für Frauen angesichts des steigenden Wohlstands unattraktiv geworden sei, so Schwärzler. „Es kursieren aber Gerüchte, wonach rund hundert illegale Bordelle in Vorarlberg existieren. Die rund 20 Tabledance-Lokale im Land seien in Sachen illegaler Prostitution unproblematisch“, informiert der Autor und fügt abschließend hinzu: „Während es früher umgekehrt der Fall war, gehen Vorarlberger Freier heute aus ,Anonymitätsgründen‘ ins St. Galler Rheintal: Dort blüht das Geschäft. Im grenznahen Au beispielsweise gibt es 4000 Einwohner, zwei Tankstellen – und fünf Bordelle.“

<p class="caption">Tödlich: Von der Polizei beschlagnahmte Zuhälterwaffen.</p>

Tödlich: Von der Polizei beschlagnahmte Zuhälterwaffen.

<p class="caption">Sigi Schwärzler</p>

Sigi Schwärzler

300 Prostituierte waren in den späten 1970ern und 1980ern auf dem illegalen Straßenstrich in Vorarlberg unterwegs. 16 Morde – elf an Zuhältern sowie fünf an Prostituierten – verzeichnete die ­Kriminalstatistik zwischen 1976 und 2000. 3 Prostituiertenmorde blieben ungeklärt. Zwei Täter konnten aber ausgeforscht werden – darunter Jack Unterweger.

„Sprengstoffattentate, Messer, Pistolenkugeln, ­Handgranaten und erwürgen: Das Repertoire an ­krassen Tötungsmethoden ließ beinahe nichts aus.“

Sigi Schwärzler, Autor „Rotlicht – Blutiges Milieu in Vorarlberg“

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