So erging es den KO-Tropfen-Opfern

Sage und schreibe 13 SeitenErfahrungsberichte von Betroffenen hat Emily schon erhalten. Und es werden weiterhin ständig mehr. Foto: W&W/Förtsch

Sage und schreibe 13 Seiten
Erfahrungsberichte von
Betroffenen hat Emily schon erhalten. Und es werden weiterhin ständig mehr. Foto: W&W/Förtsch

„Ich wachte im Wald in Unterwäsche und mit Schnittwunden auf“: Nach dem KO-Tropfen-Skandal beim Maturaball der HLW Rankweil im Festspielhaus Bregenz zeigt WANN & WO Geschichten der Opfer.

Am Sonntag sieht Marie* die Fotos auf Instagram: Ihre Freundinnen drängen sich in die Fotobox, lachen, umarmen sich. Marie klickt die Bilder durch, betrachtet jedes einzelne – und in ihrem Kopf schreien die
Fragen: Warum bin ich nicht auf den Bildern? Wo war ich? Was habe ich gemacht? Oder, noch viel schlimmer: Was wurde mit mir gemacht?

Horror-Heimweg

„Meine Schwester wurde Opfer von KO-Tropfen“, ist sich Emily Bickel aus Bludenz sicher. Die 22-Jährige erinnert sich genau an den Abend: „Meine Schwester kam schon gegen 2 Uhr nachts heim, obwohl sie sich schon lange riesig auf den Ball gefreut hatte. Das kam mir gleich seltsam vor.“ Doch das sollte nicht das einzige Unheimliche bleiben: „Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, riss ihre Augen auf. Sie nahm mich überhaupt nicht wahr, sah durch mich hindurch und übergab sich ewig lang auf der Toilette“, schildert Emily. „Meine Eltern und ich nahmen an, dass sie unglaublich betrunken sei – an so etwas wie KO-Tropfen hat ja niemand von uns gedacht.“ Am nächsten Morgen steht Marie unter Tränen vor ihrer Familie: „Ich hatte nur ein Sekt-Orange und zwei Weiß-Sauer. Ich glaube, jemand hat mir etwas ins Glas getan.“ Sie erreicht einen Bekannten, der Licht ins Dunkel des Abends bringt: „Marie habe ihm gegen Mitternacht gesagt, dass sie heimgehe. Sie habe auf ihn nicht fit gewirkt und er sei ihr dann sicherheitshalber nach draußen gefolgt.“ Dort ging es los: Der jungen Frau ging es immer schlechter, sie war kaum bei Sinnen, musste sich immer wieder übergeben. „Er hat sie dann zum Zug gebracht und nach Hause begleitet.“ Als die Familie das hört, fährt sie sofort mit Marie ins Krankenhaus – aber vergebens: „Es waren bereits keine Spuren mehr nachweisbar. Aber auch die Ärzte sagten uns, dass ihre Symptome und die Umstände nach KO-Tropfen klangen. Und dass sich die Fälle von Verdacht auf
KO-Tropfen in letzter Zeit häuften.“

Schreckliche Gewissheit

„Das alles mitzuerleben, zu sehen, wie meine kleine Schwester völlig neben sich steht und komplett schutzlos ist, das war grauenvoll. Das tat weh, sehr weh.“ Darum steht für die Jus-Studentin schnell fest: Sie will etwas tun. Und das auf eigene Faust, „denn schon sechs bis acht Stunden nach der Verabreichung sind bestimmte Stoffe nicht mehr nachweisbar.“ Deshalb würden viele die Fälle gar nicht anzeigen, der Polizei sind daher nur wenige Fälle bekannt. Opfer sollten dennoch so schnell wie möglich zur Polizei und ins Spital. „Auch wenn man sich schämt oder Angst hat: Die Polizisten und Ärzte können rechtzeitig Beweise sichern und nur so kann eine Anzeige überhaupt etwas bringen. Und je mehr Fälle angezeigt werden, desto bekannter wird das Problem und desto mehr kann dagegen getan werden.“

Gemeinsam stark

Nach dem Erlebnis ihrer Schwester wendet sich Emily an die Öffentlichkeit. In einem Post bei Facebook sucht sie nach Betroffenen und bittet sie, sich bei ihr zu melden. „Ich dachte mir: Gemeinsam sind wir stark“, schildert sie. „Nach nur einer Stunde hatte ich schon mehrere Nachrichten bekommen. Mittlerweile habe ich etwa 20 Berichte von Betroffenen – allein zehn nur von diesem einen Maturaball.“ Alle Betroffenen haben eingewilligt, dass ihre Berichte hier in WANN & WO anonym veröffentlicht werden. „Sie wollen ein Zeichen setzen, wollen, dass hingeschaut und nicht unter den Teppich gekehrt wird“, erklärt Emily. „Ich kann natürlich nicht nachprüfen, ob und unter welchen Einflüssen sie standen. Aber nichts davon klingt nach reinen Alkohol-Folgen.“ Dabei gehe es weder den Betroffenen noch der Studentin um Schuldzuweisung: „Die HLW Rankweil und auch das Festspielhaus können nichts dafür, ihnen mache ich keinen Vorwurf. Auch die Polizei kann erst handeln, wenn Anzeigen da sind.“

„Jede Mühe wert“

Noch immer erreichen Emily täglich weitere Mails von Betroffenen oder Angehörigen. „Ich weiß, ich werde damit nicht den oder die Täter finden“, gibt sie zu. „Aber wenn auch nur ein solcher Täter hier liest, was er den Opfern antut und seinen Fehler einsieht, ist es jede Mühe wert.“

*Name zum Schutz des Opfers
geändert, der Redaktion aber bekannt

<p class="caption">In dieser Mail an Emily beschreibt eine Betroffene, wie sie sich fühlte, als sie unter vermeintlichen KO-Tropfen stand. Faksimile: W&W/Förtsch</p>

In dieser Mail an Emily beschreibt eine Betroffene, wie sie sich fühlte, als sie unter vermeintlichen KO-Tropfen stand. Faksimile: W&W/Förtsch

<p class="caption">Diese Besucherin des Maturaballs im Festspielhaus war plötzlich völlig verändert. Faksimile: W&W/Förtsch</p>

Diese Besucherin des Maturaballs im Festspielhaus war plötzlich völlig verändert. Faksimile: W&W/Förtsch

Info



Tipps fürs sichere Feiern:

• Lass dich nicht von jemandem
einladen, dem du nicht vertraust.

• Hole dir lieber ein kleines Getränk, das du vor dem Tanzen oder vor dem Gang zur Toilette austrinken kannst.

• Behalte dein Getränk im Auge, im Zweifelsfall ein neues Getränk
besorgen.

• Vereinbare mit FreundInnen, dass ihr untereinander auf die Getränke aufpasst.

• Wenn ihr in der Gruppe unterwegs seid, geht auch zusammen! KeineR geht oder bleibt allein.

Wenn es schon zu spät ist und doch etwas passiert ist:

• Geh nicht allein weg. Oft merken andere nicht, dass du bereits „kippst“.

•Auf Privatpartys und bei Dates kann es ebenso Angriffe mit KO-Tropfen geben. Nicht immer sind es Fremde oder Zufallsbekanntschaften.

• Geh zur Polizei und ins Spital! Selbst wenn es dir unangenehm ist, sie können helfen und rechtzeitig Beweise sichern.

Wann & Wo | template