Alles, nur nicht daheim

Im „anker“ finden Jugendliche in Not alles, was sie brauchen: Ein Bett, einen Aufenthaltsraum, eine Dusche und Essen.

Im „anker“ finden Jugendliche in Not alles, was sie brauchen: Ein Bett, einen Aufenthaltsraum, eine Dusche und Essen.

Die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen machen allen zu schaffen – besonders auch Jungen im Ländle. Die suchen immer öfter die neue Notschlafstelle in Dornbirn auf.

Mit jedem Schritt die Treppe zur Haustür hinauf sieht Mark noch einmal die Geschehnisse vor seinem inneren Auge. Er setzt seinen Fuß auf die erste Stufe – sein Vater stürmt in das kleine Zimmer von ihm und Leonie. Er steigt die nächste Stufe empor – sein Vater schreit seine kleine Schwester an. Die nächste Stufe – Leonie steht auf, schreit zurück. Noch eine Stufe – der Vater schubbst Leonie, drückt sie gegen die Wand. Eine weitere Stufe – Mark springt auf, zieht den Vater von Leonie weg. Und schlägt zu. Die letzte Stufe – die Polizei kommt, er wird als Schuldiger ausgemacht, bekommt ein Betretungsverbot. Die nächsten 14 Tage darf er nicht in sein Zuhause. Dann legt Mark endlich den Finger auf die Klingel der Jugendnotschlafstelle „anker“ in Dornbirn.

Corona als Brennglas

„Der beschriebene Fall von Mark ist nicht genau so mit diesen Namen passiert, aber ein absolut realistisches Beispiel, wieso Jugendliche zu uns kommen“, erklärt Tatjana Tschabrun. Sie leitet die Jugendnotschlafstelle, in der 14- bis 18-Jährige einen sicheren Schlafplatzfinden, ein warmes Abendessen, sanitäre Einrichtungen, Hilfsangebote, und, vielleicht am wichtigsten, ein offenes Ohr. Der „anker“ hat erst im Juni dieses Jahres eröffnet. „Endlich“, wie Tatjana sagt, „es wurde auch höchste Zeit.“ Das liege unter anderem auch an Corona. „Die grundlegenden Ursachen, warum Jugendliche bei uns Schutz suchen, finden sich in der Regel in der Familie: beengte Wohnverhältnisse, dadurch entstehende Spannungen, Konflikte über das oft knappe Geld“, zählt die Sozial-arbeiterin auf. „Und genau diese Punkte hat die Pandemie verstärkt. Besonders die Lockdowns haben da noch einmal wie Brenngläser auf bestehende Probleme gewirkt.“ Sprich: Wo es vor Corona schon kriselte und sich Familienmitglieder noch aus dem Weg gehen konnten, können sie es nun nicht mehr – und es kracht.

Gutes Haus schützt nicht

Das tut es aber nicht nur da, wo es daheim räumlich eng ist: „Zu uns kommen auch Jugendliche aus gutbürgerlichen Häusern“, schildert Tatjana. „Deren Probleme sind oft eher Leistungsdruck, Streitigkeiten über das soziale Umfeld, Coming-Outs, die nicht akzeptiert werden, Drogenexperimente… Auch in Familien, die finanziell gut aufgestellt sind, läuft es eben nicht immer rund.“ Und nicht zuletzt für Mädchen, die aus missbräuchlichen Elternhäusern oder Beziehungen fliehen, ist der „anker“ oft die wichtige letzte Rettung.

Regeln und Chancen …

Welche Gründe auch dahinterstecken, das Verfahren im „anker“ ist dabei stets das Gleiche:
Die Jugendlichen können zwischen 18 Uhr und 9 Uhr jederzeit klingeln oder sich vorab per Mail oder Instagram anmelden. Bei der Ankunft werden sie, ob geimpft oder auch nicht, auf Corona getestet. Dann bekommen sie ein Bett und einen Schrank. Drei Nächte lang können sie auf Wunsch anonym bleiben, sieben Nächte lang ohne Nachricht von den Sozial-
arbeiterInnen an die Eltern. „Ab der achten Nacht müssen wir eine Gefährdungsmeldung an die Behörden machen“, sagt Tatjana. Sechs Betten gibt es in der Notschlafstelle, 14 Nächte kann jede Person maximal pro Monat bleiben, am Stück oder insgesamt. „Am Morgen schicken wir alle nach draußen bis zum Abend“, so die Leiterin. „Das ist uns ganz wichtig. Denn so gehen sie weiter zur Schule oder Ausbildung, anstatt sich bei Problemen einzuigeln und so vielleicht noch abzurutschen.“ Dementsprechend hat sie einen Wunsch für den bevorstehenden Winter: „Ich hoffe vor allem, dass die Schulen offen bleiben. Denn die sind ein ganz wichtiger Bezugspunkt für die Jugendlichen und schützen sie vor Isolation und Abstieg.“ Tatsächlich ist der bisherige Großteil der Jugendlichen im „anker“ etwa 15 Jahre alt und besucht das neunte Schul- oder das erste Lehrjahr. Sieben Jungen und vier Mädchen nutzten das Angebot im vergangenen Monat für insgesamt 47 Nächte. Der bisherige Rekord wurde im September erreicht, mit 73 Nächtigungen – also täglich zwischen zwei und drei Jugendlichen in der Notschlafstelle.

… und Lösungen

Während seiner fünf Nächte im „anker“ hat Mark viel mit den
SozialarbeiterInnen gesprochen. Über seine Schwester, den Vater, die Probleme daheim. Über seinen Groll. Über den Moment, wenn es in ihm klickt und er nicht mehr er selbst ist. Zwei Monate ist das jetzt her. Und trotzdem streiten Leonie und sein Vater immer noch. Daheim, in dem engen Kinderzimmer, das sie sich teilen müssen. Wieder schreien sie sich vor seinen Augen an. Wieder steht Mark auf. Doch anstatt auf den Vater los, geht er aus der Wohnung. Die Situation verlassen, bevor sie eskaliert. Wie er es im „anker“ gelernt hat.

<p class="caption">Tatjana Tschabrun</p>

Tatjana Tschabrun

„Auch in Familien, die finanziell gut aufgestellt sind, läuft es nicht immer rund.“ Tatjana Tschabrun, Leiterin der Jugendnotschlafstelle

Info



Das bietet die Jugendnotschlafstelle „anker“ in Dornbirn:

• Ein sicherer und warmer Schlafplatz. In der Regel in Gruppenzimmern, wegen Corona derzeit nach
Möglichkeit in Einzelzimmern.

• Ein warmes Abendessen.

• Frühstück am nächsten Morgen.

• Dusch- und Waschmöglichkeiten.

• Hygieneartikel.

• Kleidertausch.

• Geöffnet von 18 Uhr bis 9 Uhr. Ankunft jederzeit möglich, aber bis
22 Uhr erwünscht.

Und so kommst du zum „anker“:

• Einfach an der Tür klingeln! Die Jugendnotschlafstelle befindet sich in der Sankt-Martin-Straße 3, auf der anderen Seite des Kinos.

• Es ist auch möglich, eine Übernachtung anzumelden und ein Bett zu reservieren. Telefon: 0664 419 66 66. Mail: anker@koje.at. Instagram:
@anker_jugendnotschlafstelle.

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