Wer sind die Impfgegner?

Dr. Reinhard Haller

Dr. Reinhard Haller

Viel wird über sie geredet, doch was stimmt wirklich? W&W fragte Experten: Wer sind jene Menschen, welche die Corona-Impfung ablehnen?




Sie sind eine Minderheit, die genug Lärm für eine Mehrheit macht: Regelmäßig gehen Menschen auch im Ländle auf die Straße, um gegen die Corona-Impfung und -Maßnahmen zu protestieren. Doch welche Gruppen stehen da eigentlich und was treibt sie an?

„Ängste ernstnehmen“

Oftmals ist die Rede davon, dass sich Menschen aus Angst nicht impfen lassen. „Da gibt es jene, welche die Angst nur vorschieben und in Wirklichkeit zu wenig ängstlich sind – zu wenig ängstlich nämlich vor der Corona-Erkrankung“, sagt Psychiater Dr. Reinhard Haller. „Daneben gibt es aber auch Menschen, die echte, tief emp-
 fundene Ängste
 haben“, so Haller.
 „Sie fürchten sich
 etwa vor dem Stich,
 vor Nebenwirkung-
 en, vor der neuen
 Technologie hinter
 der Impfung. Manche von ihnen sind durch die Vergangenheit schwer traumatisiert oder zu ängstlichen Menschen erzogen worden. Nicht wenige leiden an Angststörungen.“ Wichtig sei es, diese Personen und ihre Ängste ernstzunehmen und sie nicht zu diskriminieren.







„Das Ziel ist es nicht, die Angst verschwinden zu lassen. Das geht gar nicht“, bekräftigt Haller. „Aber man kann die Angst in die richtigen Bahnen lenken. Angst ist ja nichts Schlechtes, sie sichert unser Überleben. Aber die Angst sollte immer ein Wachhund sein,
kein Wolf.“

„Migration kaum Faktor“

Häufig verbreitet wird auch die These, dass Menschen mit Migrationshintergrund deutlich weniger bereit sind, sich gegen Corona impfen zu lassen. Dem
 hält Dr. Eva Grab-
 herr, Wissenschaft-
 lerin und Geschäfts-
 führerin der Pro-
 jektstelle „okay.
 zusammen leben“
 für Zuwanderung
 und Integration die Daten vom Austria Corona Panel der Uni Wien von Ende Juni entgegen.








„Die Ergebnisse dieser repräsentativen Befragung zeigten, dass der Migrationshintergrund – anders als etwa das Alter, das Einkommen oder Parteipräferenzen – eine recht kleine Rolle für die Bereitschaft zur Impfung spielt“, erklärt Grabherr. „In islamischen Glaubensgemeinschaften auch hier in Vorarlberg werden die Mitglieder bereits seit Monaten zum Impfen ermutigt, mehrere Moscheevereine unterstützen die Impfaktionen des Landes.“ Allerdings seien Menschen mit Migrationshintergrund keine homogene Gruppe: „Es gibt Diskussionen darüber, dass die generelle Impfhaltung in den Herkunftsländern einen Einfluss auf die Impfbereitschaft hier lebender Personen hat.“ Will heißen: Menschen aus den Ostblockstaaten, wo die Impfbereitschaft deutlich geringer ist und viel Misstrauen gegenüber dem Staat und staatlich propagierten Vakzinen herrscht, wären auch hierzulande zögerlich. „Diese Gruppe ist aber nicht so groß, dass sie sehr bedeutend für die Gesamtimpfquote ist.“

„Esoterik hat Tradition“

Eine Gruppe, die immer stärker – und lauter – von sich reden macht, sind die Esoteriker. Und die haben in Regionen wie Vorarlberg eine lange Tradition, sagt Religions- und Politikwissenschaftler Dr. Michael Blume: „Im Alpenraum haben die Menschen immer
 schon abgeschie-
 dener gelebt. Da-
 bei haben sie ihre
 eigene Sprache
 entwickelt und
 sich weitgehend
 selbst verwaltet.
 Wenn dann Institutionen von außen kamen und ihnen Regeln auferlegen wollten, führte das zu Protest“, erklärt er. „Diese Naturromantiker oder Esoteriker wollen sich nicht nur politisch selbst verwalten, sondern auch gesundheitlich“, schildert Blume. „Sie lehnen die wissenschaftlich fundierte Schulmedizin ab und vertrauen auf Dinge wie Naturheilkräuter, Steine oder Globuli. Auf Corona bezogen lehnen sie eben die Impfung ab und setzen hingegen auf Vitamin-D-Tropfen oder ähnliches.“

Vorbild Kuhpocken

Vergessen dürfe man laut Wissenschaftler Blume auch nicht, dass viele Protestler befürchten, bei einem Umdenken ihr Gesicht zu verlieren. „Diese Menschen haben monatelang dagegengehalten, laut getönt und jedem in ihrem Umfeld ihre Haltung klar gemacht“, erläutert der Forscher. „Wie würden sie dastehen, wenn sie jetzt plötzlich umschwenkten?“









Eine generelle Impfpflicht würde in seinen Augen auch dieses Problem lösen, denn damit würden auch jene, die sich heimlich eine Impfung wünschen, diese bekommen – und die Spaltung der Gesellschaft würde enden. „Man hat das im 19. Jahrhundert in Bayern beobachtet: Damals gab es große Proteste gegen die Kuhpocken-Impfung, die Menschen gingen regelrecht auf die Barrikaden. Schließlich wurde die Kuhpocken-Impfpflicht eingeführt, es kehrte Ruhe in der Bevölkerung ein und schon wenige Wochen danach sprach niemand mehr über die Proteste.“

<p class="caption">Dr. Eva Grabherr</p>

Dr. Eva Grabherr

<p class="caption">Dr. Michael Blume</p>

Dr. Michael Blume

„Wie würden die Esoteriker dastehen, wenn sie jetzt plötzlich umschwenkten?“ Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume

„Migrationshintergrund spielt bei der Impfbereitschaft eine recht kleine Rolle.“ Migrationsforscherin Dr. Eva Grabherr

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