Wohnen mal anders

Haben Großes vor: Da wo Lisi (l.) und Martina (r.) stehen, soll das Gemeinschaftswohnprojekt „Gewo im Brand“ gebaut werden. Fotos: Sams, Peter Jäger, privat

Haben Großes vor: Da wo Lisi (l.) und Martina (r.) stehen, soll das Gemeinschaftswohnprojekt „Gewo im Brand“ gebaut werden. Fotos: Sams, Peter Jäger, privat

Gemeinsam statt einsam: In Lustenau hat eine Gruppe junger Familien keine Lust auf große Bauträger und isoliertes Wohnen im Einzelheim – und lässt ein Gemeinschafts- wohnprojekt entstehen, das zudem die Kosten pro Person senkt.

Ein bisschen Fantasie braucht es schon noch: Auf dem Grundstück im Lustenauer Flurstück Brand liegt zwar schon einiges an Holz – doch dabei handelt es sich um das Ergebnis der Rodearbeiten und noch nicht um das Bauholz für das Gemeinschaftwohnprojekt, das hier entstehen soll. „Der Plan ist, dass wir Ende 2023 einziehen“, sagt Martina Unterkofler-Türtscher im Gespräch mit WANN & WO. Eingezogen werden soll in insgesamt zehn Wohnungen, die in drei Gebäuden auf dem 1800 Quadratmeter großen Grundstück entstehen sollen. Dazwischen wird es einen Innenhof geben, einen Gemeinschaftsraum, einen Werkstatt- und Fahrradraum, einen Spielplatz und einen Garten für den eigenen Gemüse-
anbau. Aber nicht nur baulich soll es vielfältig werden: „Wir wollen eine gute Durchmischung aller möglichen Lebensformen: Familien, Alleinstehende, Paare, Senioren – eben wie auf einem kleinen Dorf“, so die Initiatorin des Projekts „Gewo im Brand“ weiter.

Tür an Tür mit Freunden

Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas hatte die 32-Jährige im vergangenen März die Idee zu dem Projekt. „Es begann damit, dass der Mietvertrag für unser jetziges Heim ausläuft, wir uns nach einem neuen Zuhause umgeschaut und nichts ge-
funden haben, was uns zusagt.“ Eine Wohnung in einem Neubaublock, Stadtlage, nur eine winzige Grünfläche oder gleich gar kein Garten: keine Option für die junge Familie. „Und vor allem wollen wir nicht so isoliert wohnen, sondern zusammen mit Gleichgesinnten.“ Die suchten Martina und Thomas in Online-Netzwerken zum Thema Gemeinschaftswohnen – und fanden sie. Acht Erwachsene, sieben Kinder und einen Hund zählt das Projekt bisher. Eine davon ist Lisi Jäger aus Dornbirn. „Wir wohnen jetzt schon ganz schön, daran liegt es nicht“, bekräftigt die 37-Jährige. „Aber in der Stadt hat man einfach so gut wie keine Chance auf so viel Grün und Freifläche um einen herum. Und die Kinder können hier einfach von einer Tür zur nächsten gehen, um ihre Spielkameraden zu treffen. Es ist immer jemand da, sie sind nie allein.“

Gegenpol zur aktuellen Immobilien-Situation

Aber nicht nur Träume spielen beim Projekt „Gewo im Brand“ eine Rolle, sondern durchaus auch ein bisschen Protest: „Wir wollen zumindest im Kopf auch einen Gegenpol zur aktuellen Immobilien-Situation in Vorarlberg setzen. Das, was gerade passiert, die Preisentwicklungen, die Spekulation, das ist falsch“, findet Lisi. Und Martina fügt hinzu: „Deshalb bauen wir für uns, für unseren Eigenbedarf und nicht für Investoren.“ Die Preise für die Wohnungen werden erst nach dem Bau fix sein – allerdings hat die Gruppe bereits jetzt eine Obergrenze für den Quadratmeterpreis festgelegt. Damit bewegt sich das Projekt im hier üblichen Preisrahmen, wobei die eigenen vier Wände durch die Aufteilung der Bau- und Rohstoffkosten natürlich günstiger werden, als beim Bau eines Einfamilienhauses. Rechtlich bilden sie dafür eine Wohnungseigentumsgemeinschaft. Das heißt, jeder Eigentümer ist nicht nur berechtigt, seine Wohnung zu nutzen und allein darüber zu verfügen, sondern er ist auch Miteigentümer der Gesamtliegenschaft. Ein bisschen Eigentum, ein bisschen „alles für alle“ also. Entsprechend klar sind auch die Statuten des Vereins: Die Wohnungen werden nur an Menschen verkauft, die auch in der Gemeinschaft leben, Mitglied im Verein sind und sich aktiv ins gemeinsame Leben einbringen.

Bewerber gesucht

Die Idee der Gewo-Gemeinschaft kommt an, viele interessieren sich für das Projekt. „Jetzt geht es darum, unter diesen Interessenten jene Menschen zu finden, die in unsere Gemeinschaft passen und unsere Vision teilen. Und das auch langfristig tun.“ Ein bisschen Aktivität muss nämlich sein: Der Verein hat verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, etwa zum Thema Bau oder Öffentlichkeitsarbeit. In mindestens einer sollen die Mitglieder sich einbringen, etwa zehn Stunden im Monat beträgt das geschätzte Pensum. Jeder gibt ein bisschen, damit alle profitieren und am Ende entsteht durch viele mehr als durch einzelne – so der Gedanke des Projekts. „Im Fokus steht aber die lebendige Nachbarschaft, das Zusammenleben verschiedener Generationen und Lebensformen, das ungezwungene Beisammensein zwischen den privaten Rückzugsräumen und dass jede und jeder mitbestimmen und mitgestalten kann, wie das Projekt aussieht“, sagt Martina. Die Fantasie endet eben nicht beim Holzstapel.

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              Drei Gebäude, zehn Wohnungen, ein Gemeinschaftsbau: So soll das Gemeinschafts-wohnprojekt Lustenau einmal aussehen. 
              Projektion: Guter Plan Andelsbuch
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Drei Gebäude, zehn Wohnungen, ein Gemeinschaftsbau: So soll das Gemeinschafts-wohnprojekt Lustenau einmal aussehen. Projektion: Guter Plan Andelsbuch

<p class="caption">WANN & WO-Redakteurin Anja traf Martina und Lisi auf dem Gewo-Grundstück.</p>

WANN & WO-Redakteurin Anja traf Martina und Lisi auf dem Gewo-Grundstück.

<p class="caption">Acht Erwachsene, sieben Kinder und einen Hund zählt das Projekt „Gewo im Brand“.</p>

Acht Erwachsene, sieben Kinder und einen Hund zählt das Projekt „Gewo im Brand“.