„Mit Vernunft hat das nichts mehr zu tun“

Diese Schriftenwurden WANN & WO zugespielt. Foto: W&W/Förtsch

Diese Schriften
wurden WANN & WO zugespielt.
Foto: W&W/Förtsch

Nach dem skandalösen „Vorarlberger Rundbrief“ des Paters Bernhard Kaufmann machen aktuell weitere religiöse und spirituelle Corona-Kritiker-Schriften die Runde im Ländle.




Ganze 40 Seiten ist das kleine Heft dick, das einer Familie aus dem Vorarlberger Oberland kürzlich in den Briefkasten geflattert war. 40 Seiten voller Corona-Leugnungen, Verschwörungstheorien und Impf-Ablehnung. Und: 40 Seiten unter dem Deckmantel der katholischen Kirche. „Lass dir die Gotteskinderschaft nicht rauben! Corona im Licht der göttlichen Wahrheit“ ist der Titel der Schrift, das „Römisch Katholische Broschüren-Versand-Aspostolat“ laut Impressum der Herausgeber. Daneben ein dicht beschriebenes A4-Blatt, das über den sogenannten „Great Reset“ aufklären will, über die Gefahr hinter 5G-Funktechnologie, Einparteiendiktatur und Zwangsmaßnahmen wie in der Sowjetunion bis hin zur angeblichen Herleitung, warum Corona gar nicht existiert. Herausgeber ist die „Initiative Heimat & Umwelt“, die im spirituell-esoterischen Bereich angesiedelt ist. WANN & WO-LeserInnen hatten die Schriftstücke der Redaktion
zugesandt.

„Teilen Auffassung in
keiner Weise“

Die Katholische Kirche Vorarlberg distanziert sich von dem Rundbrief. „Die Leitung der Diözese Feldkirch teilt diese Auffassung in keiner Weise und verbreitet sie auch nicht“, erklärt Generalvikar Hubert Lenz auf WANN & WO-Anfrage. Der Verfasser ist ihm nicht bekannt. „Es dürfte sich bei ihm um einen Privatmann handeln, der auch als Privatperson handelt. Begriffe wie ‚römisch katholisch‘, ‚katholische Kirche‘ oder ‚Apostolat‘ sind nicht geschützt.“ Die aufgeheizte Stimmung in nahezu allen Fragen zum Thema Corona sei dem Generalvikar zufolge aber kein kirchliches, sondern ein gesamt-gesellschaftliches Phänomen, dem sich auch die ganze Gesellschaft stellen müsse. Der Verfasser des Rundbriefs ließ eine Anfrage von WANN & WO zu seinen Motiven unbeantwortet.

Abenteuerliche Thesen

Was auch auffällt: Keine der beiden Gruppen stammt aus Vorarlberg. Das „Apostolat“ ist laut Impressum in Bayern angesiedelt, die „Initiative“ in Niederöstererreich. Letztere listet auf ihrer Internetseite Termine für Infostände in den Innenstädten von Bregenz und Dornbirn auf. Woher stammt der Kontakt ins Ländle, wie kommen ihre Schriften hier in Umlauf? Sie sei seit Jahren mit Publikationen, Vorträgen, Diskussionen sowie Straßenkundgebungen in ganz Österreich aktiv, erklärt die „Initiative“ auf WANN & WO-Anfrage. „Dementsprechend werden diese Aktivitäten in unterschiedlicher Größenordnung und Häufigkeit von Sympathisanten in allen Bundesländern weitergetragen.“ Die übrigen Fragen, etwa wie sie dazu kämen, zu behaupten, dass der Gesundheitsnotstand nicht existiere, lassen sie hingegen unbeantwortet. Stattdessen wiederholen sie Verschwörungsmythen – und die abenteuerliche These: Hätte man keine Tests durchgeführt, wäre die Pandemie niemandem aufgefallen.

Vier Stufen der Angst

Der Religions- und Politikwissenschaftler Dr. Michael Blume forscht bereits seit Langem zum Thema Extremismus und Verschwörungsglauben. Er sieht im „Verteufeln“ von Wissenschaft und Medien durch Verschwörungserzählungen vor allem ein Auflehnen gegen den Staat und dessen Maßnahmen. „Im Grunde speist sich diese Haltung aus Angst“, erklärt Blume gegenüber WANN & WO. „Dabei gibt es vier Stufen: Auf der ersten blocken die Betroffenen die Fakten und Daten ab. Inzidenzzahlen, Krankenverläufe und Gesundheitsnotstand wollen sie nicht wahrhaben. Die zweite Stufe ist die der Verschwörungsmythen. Auf dieser befinden sich die Menschen hinter diesen Postwurfsendungen offenbar gerade. Sie spalten ihre Angst von sich ab – und schieben sie auf andere, denen sie die Teilhabe an einer weltweiten Verschwörung unterstellen. Deswegen lehnen sie auch Masken und Impfungen als vermeintliche Unterdrückung ab.“ Nach dieser Stufe der Verschwörungspsychologie folgen laut dem Wissenschaftler noch zwei weitere: „Der Antisemitismus, der im Great-Reset-Verschwörungsmythos bereits enthalten ist und schließlich die Tyrannophilie, also der Wunsch nach einem starken, totalitären Anführer – ganz wie im Faschismus. Mit Vernunft hat das nichts mehr zu tun. Mit Verschwörungsglauben gefährden die Betroffenen sich selbst und andere!“

<p class="caption">Hubert Lenz</p>

Hubert Lenz

<p class="caption">Dr. Michael Blume</p>

Dr. Michael Blume