Matura: Direktoren vs. Schüler

Matura 2022: fair oder unfair? WANN &WO hat Direktoren und die Landesschulsprecher-innen zu einem offenen Dialog ins Conrad Sohm geladen.

WANN & WO: Was halten Sie von der Forderung einer freiwilligen mündlichen Matura?

Anne Urbanek (BMHS-Landesschulsprecherin): Wir als Maturantinnen aber auch als Schülervertreterinnen finden die angekündigten Anpassungen der Matura nicht angemessen. Sie verharmlosen die Situation. Wir fordern eine freiwillige mündliche Matura wie in den vergangenen beiden Jahren.

Lina Feurstein (AHS-Landesschulsprecherin): Wir haben nicht nur enorm viel Lernstoff verloren, sondern vor allem auch soziale Fähigkeiten. Etwa richtig zu präsentieren, was für die Mündliche relevant ist. Zugleich belegen Studien, dass Schüler durch die Pandemie unter einer enormen Belastung stehen. Die freiwillige mündliche Matura würde den Druck wegnehmen.

Mag. Markus Germann (Direktor BG Dornbirn): Ich habe sehr viel Verständnis für die Situation der Schüler. In den letzten zwei Jahren haben auch die Lehrer und Direktoren gelitten. Trotzdem kann ich mich nur schwer dieser Forderung anschließen. Ich war vor zwei Jahren schon nicht glücklich damit. Heuer ist das Schuljahr einigermaßen normal abgelaufen. Für die Maturanten ist es ein wunderbares Erlebnis, am Ende der Schullaufbahn zeigen zu können, dass man nicht nur viel gelernt, sondern auch Wissen angesammelt hat. Wenn möglich, sollte man diesen krönenden Abschluss beibehalten. Zumal es auch Erleichterungen geben wird.

Dr. Manfred Hämmerle (Direktor BHAK/BHAS Bregenz): Es wird etwa die Zahl der Themenkörbe in Mathematik an der AHS reduziert. An der BHS können diese in Absprache mit dem Schulleiter reduziert werden. Zwischen schriftlicher und mündlicher Matura liegen drei Wochen, in welchen man sich intensiv vorbereiten kann. Ich denke, viele Schüler sind bereit, etwas zu leisten, um sich dann zu freuen. Was mich erstaunt, ist, dass die Schüler sich so auf die Mündliche festlegen. In Wirklichkeit meine ich, dass die Schriftliche schwerer ist. Ich bin überzeugt, dass das Ministerium hier Augenmaß haben muss, um eine Prüfung zu gestalten, die für die Schüler fair und machbar ist. Ein weiterer Punkt, der für die mündliche Matura spricht, ist, dass schon Personalchefs zu mir kommen, die sagen: ‚Ich schau mir an, ob die mündliche Matura gemacht wurde.‘

Anne Urbanek: Der krönende Abschluss und dieses „relativ“ normale Schuljahr – zwei Sachen, die man genauer betrachten muss. Wichtig hierbei ist, wie in den Augen der Schüler ein krönendes Ende aussieht. Bei vielen hat es mit Stress und Leistungsdruck zu tun. Das wird viel zu oft vergessen. Dieses „relativ“ normale Jahr wird oft als positiv gewertet. Aber relativ bedeutet, dass immer noch ganz viel schiefläuft. Durch die verschlechterte mentale Gesundheit können Schüler nicht mehr das leisten, was von ihnen verlangt wird.

Lina Feurstein: Wenn ich darum bange, dass ich aufgrund der fehlenden mündlichen Matura nicht genug Jobangebote krieg, dann kann ich sie ja machen.

WANN & WO: Ist die schriftliche Matura die noch größere Hürde?

Lina Feurstein: Die schriftliche Matura ist sicher der größere Brocken. Allerdings wurde in der Vergangenheit der Kurs festgelegt, dass es bei der mündlichen Matura Erleichterungen geben darf und bei der schriftlichen eben nicht. Daher müssen wir uns auch dementsprechend beugen und das fordern, was möglich ist. Eine freiwillige mündliche Matura ermöglicht den Schülern, sich besser auf die schriftliche Matura vorbereiten zu können.

Anne Urbanek: Die schriftliche Matura darf zurecht als schwieriger betitelt werden. Die Effektivität der Anpassungen dort muss hinterfragt werden. Die Themenpoolkürzung an der AHS funktioniert übergreifend, an der BHS hingegen nicht. Es ist generell an der Zeit, das Konzept Matura zu überdenken. Die Durchschnittsmatura ist ein super erster Schritt. Wir waren jetzt zwei Jahre einem Ausnahmezustand ausgesetzt. Man darf nicht vergessen, dass die Folgen auch die nächsten Jahre noch präsent sein werden.

Manfred Hämmerle: Eine wichtige Frage für mich ist sicher: Was hilft den Schülern? Ich bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, sie zu sehr zu schonen, auch wenn es ihnen nicht gut geht. Weiters möchte ich anmerken, dass viele Schüler, wenn sie studieren gehen, knallharte Knock-out-Prüfungen erwarten. Eine wichtige Aufgabe von uns ist es, die Schüler studier- und berufsfähig zu machen.

Lina Feurstein: Mir ist generell wichtig zu erwähnen, dass wir, die für Erleichterungen kämpfen, nicht automatisch gegen die anderen Schulpartner sind. Wir sehen, dass sie das Beste für uns wollen und selbst unter enormem Druck stehen. Es ist der Satz gefallen: „Man kann Schülern was zutrauen, auch wenn es ihnen nicht gut geht“. Das ist unglaublich paradox, dass man die Gesundheit von Schülern abwägt. Das Schuljahr war absolut nicht normal. Die Anpassungen der Zentralmatura helfen zudem meist nur jenen, die sowieso schon gut in der Schule sind. Außerdem haben nicht alle Schüler das gleiche „Distance-Learning“ erlebt.

WANN & WO: Finden Sie eine Zentralmatra fair, wenn „Distance-Learning“ an jeder Schule anders gehandhabt wurde?

Manfred Hämmerle: Das ist im normalen Unterricht auch so. Es ist bedauerlich, aber es gibt nicht nur super Lehrpersonen. Möglicherweise hat sich das im „Distance-Learning“ noch verschärft. Es gibt unglaublich viel Unterstützung online. Viele junge Menschen schauen sich zur Hilfe YouTube-Videos an. Es gibt unfassbar viele Lernplattformen, wo man Versäumtes nachholen kann. Wird das genutzt?

Anne Urbanek: Ja, es wird genutzt. Allerdings darf das nicht der Anspruch sein. Es ist inakzeptabel, dass wir vor vollendente Tatsachen gestellt werden und jetzt alles selber nachholen müssen. Zudem gibt es Schüler, die kein Endgerät und keine Internetverbindung haben.

Markus Germann: Das ist sicher die absolute Ausnahme. Es muss einen Weg geben, an Ressourcen zu kommen. Die Schulen leihen die Notebooks gerne her, das ist kein Problem. Daran darf es nicht scheitern! Die Frage, die ich nicht beantworten kann, ist, wie viele Schüler er gibt, die in ein tiefes Loch gefallen sind, aus dem sie es nicht mehr herausgeschafft haben.

WANN & WO: Stichwort mentale Gesundheit: Mit welchen Problemen haben die SchülerInnen zu kämpfen?

Anne Urbanek: Der Ursprung für psychische Probleme kann viele grundlegende Ursachen haben. Ein großer Teil war sicher die lange Phase im „Distance-Learning“. Der Platz zu Hause war für viele ein Rückzugsort. Durch das „Homeschooling“ hat sich dies geändert und der Raum, an dem man abschalten kann, war nicht mehr da. Viele haben Depressionen, Selbstzweifel, Angstzustände und diverse andere mentale Erkrankungen entwickelt. Zudem hatten wir keine sozialen Kontakte mehr, obwohl das die Jugend zu dem macht, was sie später ist. Es ist positiv, dass die Politik da mittlerweile auch mehr Augenmerk darauf legt.

Manfred Hämmerle: Die österreichische Politik hat bei der Schulsozialarbeit ganz lange gezögert und es ist immer noch nicht so, wie wir es uns wünschen. Es ist wichtig, dass Schüler einen Ansprechpartner haben für ihre Ängste und Sorgen. Da kämpfen wir an gleicher Front.

WANN & WO: Können Sie die andere Seite nun besser verstehen?

Manfred Hämmerle: Ich kann die zwei Damen sehr gut verstehen. Ich finde es wichtig, dass sie für die Interessen der Schüler kämpfen! Was ich lerne, ist, dass wir den Schülern kommunizieren müssen, was für Rechte sie haben.

Lina Feurstein: Wir können Ihre Seite genauso verstehen und auch nachvollziehen, aus welcher Sicht Sie sprechen. Für uns als Vertreter von Schüler­Innen bleibt die Forderung dennoch klar. Das war, denke ich, auch absehbar. Danke trotzdem fürs Gespräch!

<p class="caption">Als Location für die Diskussion diente das Conrad Sohm. Fotos: Sams</p>

Als Location für die Diskussion diente das Conrad Sohm. Fotos: Sams

<p class="caption">Lina Feurstein</p>

Lina Feurstein

<p class="caption">Anne Urbanek</p>

Anne Urbanek

<p class="caption">Markus Germann</p>

Markus Germann

<p class="caption">Manfred Hämmerle</p>

Manfred Hämmerle