„Es war brutal“

Bettina Bitschi (re.) gemeinsam mit einem polnischen Busunternehmer (li.) und ihrem Mitstreiter Bernhard Winter.

Bettina Bitschi (re.) gemeinsam mit einem polnischen Busunternehmer (li.) und ihrem Mitstreiter Bernhard Winter.

Als in der Ukraine der Krieg ausbrach, zögerte Bettina Bitschi von Bitschi Bus keine Sekunde: Sie setzte sich in ihren Reise­bus und brach auf, die Menschen auf der Flucht in Sicherheit zu bringen.

Die Nachrichten vom Einmarsch Russlands in die Ukraine, den Bomben, der Zerstörung und dem unvorstellbaren Leid der Menschen in dem betroffenen Land, schockierten Bettina Bitschi zutiefst: „Ich konnte nichts mehr machen, nicht mehr denken, das ganze Geschäft war zweitranging. Ich dachte mir immer nur: Es kann nicht sein, dass man in der heutigen Zeit mit Panzern in ein Land einfällt, das für Demokratie stehen will und dass Millionen Menschen flüchten müssen. Das ist ein Wahnsinn. Es braucht dazu nur einen einzigen Verrückten – wie damals Hitler. Nun ist es Putin.“

„Allen Unkenrufen zum Trotz“

Als sie Anfang März von einem Hilfsprojekt in Dornbirn erfuhr, überlegte die Bludenzerin nicht lange. Sie lud ihren Reisebus bis unters Dach mit Hilfsgütern voll und machte sich am 3. März auf die Reise – erst nach Linz, zu einem Verteilerzentrum der Volkshilfe. Auf ihrer Rückfahrt ins Ländle, nahm sie Kontakt zu Bernhard Winter, einem Busunternehmer aus Wörgl auf. Sie beschlossen, nur wenige Tage später – am 6. März – gemeinsam erneut Richtung ukrainische Grenze zu fahren. „Wir sind allen Unkenrufen zum Trotz losgefahren. Für mich stand fest: Wenn ich das mache, dann nur mit Bernhard. Für so eine Fahrt braucht es erfahrere Lenker.“

In Vorarlberg wurde ihr abgeraten, Flüchtlinge ins Land zu holen, wie sie im Gespräch mit WANN & WO mitteilt: „Es hat sich umgehend abgezeichnet, dass eine gewaltige Flüchtlingswelle auf uns zukommt. Das Land Vorarlberg war darauf allerdings noch überhaupt nicht vorbereitet. Dabei leben wir hier in so einem reichen Bundesland. Mir wurde Angst gemacht, es wurde von Schlepperei gesprochen. Es wäre kontraproduktiv, Flüchtlinge in Eigenregie nach Vorarlberg zu holen.“ Bitschi betont: „Ich verstehe das Zögern nicht, weder von der Wirtschaftskammer, noch vom Land Vorarlberg – die Situation ist eine ganz andere als 2015. Hier kommen Frauen, Kinder, alte Menschen. Nicht wie damals ausschließlich Männer.“

„Wussten nicht, wo anfangen“

Am 6. März, noch mitten in der Nacht, brach sie schließlich als erstes Busunternehmen aus Vorarl­berg auf Richtung Osten. Was sie nach stundenlanger Fahrt an ihrem polnischen Ziel Korczowa erwartete, darauf war sie aber nicht gefasst: „Es war brutal. Tausende waren hier in einem Einkaufszentrum gut zwei Kilometer vor der Grenze gestrandet. Wir wussten erst gar nicht, wo und wie wir anfangen sollen. Die Menschen lagen mit Decken auf dem Boden oder auf Feldbetten.“

Mit Händen, Füßen und dem Google-Translator kommunizierend gelang es ihr, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen. Mit 44 Personen, zwei Hunden und zwei Katzen an Bord, fuhr sie wieder Richtung Österreich zurück. „Wir traten mit der LPD Salzburg in Kontakt. In Salzburg verließen die Menschen den Bus und reisten mit dem Zug weiter. Mein Dank gilt den ÖBB, die sofort reagierten und den Menschen eine kostenlose Weiterreise ermöglichten. Aber auch der ASFINAG, die es uns erlaubte, die Fahrten mautfrei durchzuführen.“

Eine Tasse zum Dank

Besonders berührt hat Bitschi die Begegnung mit einer älteren Dame aus Charkiw. Mit Tränen in den Augen berichtet die Bludenzerin: „Die Frau erzählte mir, dass ihr Haus zerstört wurde. Ihr Mann, knapp 60 Jahre alt, befindet sich im Krieg. Sie weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt. Ich habe sie umarmt und gesagt: ,Du bist nun in Sicherheit.‘ Daraufhin schenkte sie mir eine Tasse, eines der wenigen Besitztümer, die sie bei sich hatte und die ihr wohl selbst viel bedeutet. Die werde ich ewig aufheben.“

Hilfsfahrten und Spendenkonto

Bitschi gibt die Menschen in der Ukraine nicht auf: Bereits am vergangenen Donnerstag, einen Tag nach dem Interview mit W&W, machte sie sich – bereits zum dritten Mal – auf den Weg, um weitere Menschen aus dem von Krieg erschütterten Land in Sicherheit zu bringen. Ihre Fahrten dokumentiert Bitschi auf der Facebook-Seite „Bitschi Bus“. Zudem hat sie ein Spendenkonto für die ukrainischen Flüchtlinge eingerichtet – alle Infos dazu rechts. Fotos: handout/Bitschi

<p class="caption">Bedrückend: Schutzsuchende aus der Ukraine drängen sich dicht in einer Halle.</p>

Bedrückend: Schutzsuchende aus der Ukraine drängen sich dicht in einer Halle.

<p class="caption">Unterwegs in tiefster Nacht.</p>

Unterwegs in tiefster Nacht.

<p class="caption">Diese Tasse erhielt Bettina Bitschi von einer Dame aus Charkiw als Geschenk. „Sie ist Gold wert für mich.“</p>

Diese Tasse erhielt Bettina Bitschi von einer Dame aus Charkiw als Geschenk. „Sie ist Gold wert für mich.“

<p class="caption">Polnische Soldaten beim Flüchtlingslager in Korczowa.</p>

Polnische Soldaten beim Flüchtlingslager in Korczowa.

Spendenkonto

Raiffeisenbank Bludenz

Ukraine

AT75 3746 8000 1003 1748

Mit dem Geld werden unter anderem die Dieselkosten gedeckt.