„Sie sind komplett entrechtet“

Weithas vor dem Aufklärungsflugzeug „Moonbird“ auf der italienischen Insel Lampedusa. Fotos: Tessa Kraan, Max Brugger (2)

Weithas vor dem Aufklärungsflugzeug „Moonbird“ auf der italienischen Insel Lampedusa. Fotos: Tessa Kraan, Max Brugger (2)

Um zu verhindern, dass Flüchtende im Mittelmeer ertrinken, engagiert sich die ­Höchsterin Vera Weithas (26) im Vorstand von „Sea-Watch“. WANN & WO gab sie ­Einblick in ihre Mission.

Das Mittelmeer ist ein Grab. Allein in diesem Jahr ertranken mehr als 800 Menschen beim Versuch, über die mediterrane See nach Europa zu fliehen. Vera Weithas aus Höchst nimmt das nicht hin. Daher ist die Wahl-Berlinerin im Vorstand von „Sea-Watch“ aktiv, einem Verein, der Leben rettet, wo Staaten versagen.

„Die dreckige Arbeit der ­Europäischen Union“

Drei Boote, zwei Flugzeuge und viele Helfer – mit diesen einfachen Mitteln rettet „Sea-Watch“ Flüchtende aus der Seenot. Dabei konzentrieren sie sich auf das Gebiet zwischen Libyen und Italien. Die größten Probleme bereiten der NGO nicht die Naturgewalten der offenen See, sondern Behörden. „Die sogenannte libysche Küstenwache macht im Mittelmeer die dreckige Arbeit für die EU, die die unrechtmäßigen Rückführungen nach Libyen bequem von Europa aus finanziert. Dass die Wache auch über Leichen geht, konnten wir bereits unzählige Male hautnah miterleben“, kritisiert Weithas. So verbietet ihnen das Land die Luftaufklärung über den internationalen Gewässern vor der Küste des nordafrikanischen Landes. Obwohl der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags festgestellt hat, dass die Blockade illegal ist, reagiert Tripolis auf Anfragen mit Schweigen.

Sklaverei und Folter

Menschen aus ganz Afrika versuchen über Libyen zu fliehen. Dabei laufen sie Gefahr, in Lager gesperrt, versklavt, vergewaltigt und gefoltert zu werden. „Man muss sich diese Lager als ein Geschäft vorstellen. Sie müssen zahlen, um frei zu kommen, zahlen, um auf ein Boot zu gelangen, dann werden sie zurückgeschleppt und der Zyklus geht wieder von vorne los. Sie sind komplett entrechtet“, berichtet die studierte Philosophin.

„Wenn die Menschen an Bord kommen, ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Sie haben schreckliche Dinge erlebt und müssen oft medizinisch versorgt werden. Danach versuchen wir, einen sicheren Hafen anzusteuern. Da es in Nord-Afrika keine gibt, warten wir, bis uns europäische Behörden einen zuteilen. Wenn die Geretteten ans Land gehen, kommen sie ins Asyl-System. Da endet unsere Arbeit“, erklärt die Höchsterin.

Jeder kann helfen

Damit Missionen gelingen, muss viel im Hintergrund passieren. Das ist die Aufgabe von Weithas. Sie nahm schon an Aufklärungsflügen teil, aber üblicherweise geht sie nicht mit aufs Meer. Vielmehr hilft sie Spenden zu sammeln und die Öffentlichkeit über die Seenot-Rettungen zu informieren. Doch wenn ein Schiff zur Reparatur in eine Werft geht, arbeitet die 26-Jährige so gut sie kann, mit. In dieser Zeit ist die NGO auf die Hilfe von Handwerkern angewiesen. Daher steht für Weithas fest: „Wenn man genau hinschaut, findet man viele Möglichkeiten, wie man sich engagieren kann.“

24.000 Menschen sind seit 2014 auf der Flucht übers Mittelmeer ertrunken. 40.000 Seit 2015 rettete „Sea-Watch“ mehr als 40.000 Flüchtende aus der Seenot.

«Wenn die Geretteten ans Land gehen, kommen sie ins Asyl-System. Da endet unsere Arbeit.» Vera Weithas über den Ablauf einer typischen Mission