„Lebe in der Schweiz günstiger“

Stephanie in ihrem eigenen Tattoo-Studio – ein Traum, den sie sich nur in der Schweiz erfüllen konnte. Fotos: privat

Stephanie in ihrem eigenen Tattoo-Studio – ein Traum, den sie sich nur in der Schweiz erfüllen konnte. Fotos: privat

Der W&W-Bericht über Friseurin Larissa Köb, die trotz Vollzeitstelle und eigenem Salon keine Wohnung zahlen kann, hat viele Menschen im Ländle bewegt. Drei Frauen erzählen nun ihre Geschichten.

Stephanie M.s Tage in Vorarlberg sind gezählt. Der Entschluss der 27-Jährigen steht fest: Sie wird auswandern. Von Vorarlberg in die Schweiz. Und das aus einem Grund, den noch vor wenigen Jahren wohl niemand im Ländle für möglich gehalten hätte: „Das Leben in der Schweiz ist leistbarer als in Vorarlberg“, sagt Stephanie.

Knackpunkt Wohnkosten

Die teure Schweiz günstiger als Vorarlberg? Durchaus, sagt Stephanie: „Durch meinen Freund, der in der Schweiz lebt, habe ich eine tiefe Einsicht in die dortigen Lebensverhältnisse bekommen und festgestellt, dass viele Dinge – etwa Mieten, Autoversicherung, Vignette und teils auch Lebensmittel – in einigen Kantonen gleich teuer oder sogar günstiger sind als hier. Gleichzeitig sind die Verdienstmöglichkeiten dort um einiges besser als bei uns.“

Doch der Punkt, der für die gelernte Lkw-Mechanikerin am schwersten wiegt: das Wohnen. „Während man bei uns monate- oder gar jahrelang nach einer Wohnung suchen muss, kämpfen die Vermieter in gewissen Regionen der Schweiz um jeden Mieter. Sie zahlen etwa die Makler-
kosten und schenken sogar ein bis drei Monatsmieten“, erzählt Stephanie. „In Vorarlberg unvorstellbar.“ Auch Haustiere seien viel öfter kein Problem.

Pendeln zwischen Job und Leben

Ihren ersten Mietvertrag in der Schweiz unterschrieb Stephanie für ihr eigenes Tattoo-Studio. Ein Traum, den sie schon seit ihrer Jugend hatte und an dem sie seitdem konsequent gearbeitet hat – mittels selbstgezahlter Ausbildungen und Prüfungen neben ihrer Lehre und ihrem Job in einer Lackiererei.
„Viele Jahre und Nerven sind da hineingeflossen“, erinnert sie sich. „Und als ich endlich die bestandene Tätowier-Meisterprüfung in den Händen hielt, merkte ich: Ich komme viel besser weg, wenn ich ein Studio in der Schweiz miete.“ Seitdem pendelt die 27-Jährige zwischen ihrem Studio in der Schweiz und ihrem Job und ihrer Wohnung in Vorarlberg hin und her.

Denn bis sie komplett in die Schweiz ziehen kann, dauert es noch ein bisschen. „Die Schweiz hat Vorgaben. Man muss nachweisen können, dass man sich selbst, und wenn vorhanden auch die Familie, ernähren und seine Kosten decken kann.“ Von Selbständigen wird ein entsprechendes Kapital in der Rückhand verlangt.

„Fühle mich von meinem Land im Stich gelassen“

Die Entscheidung aber ist fix, bekräftigt Stephanie. „Da ich bei den aktuellen Immobilienpreisen in Vorarlberg ohnehin keine Möglichkeit haben werde, mir hier etwas eigenes aufzubauen, gibt es nichts mehr, für das ich noch bleiben sollte. In vielerlei Hinsicht fühle ich mich von meinem eigenen Land im Stich gelassen und bin enttäuscht. Ich habe gearbeitet, um zu überleben. 50 Stunden aufwärts, damit ich am Abend in meiner 30-Quadratmeter-Wohnung schlafen konnte, um am nächsten Tag vom Morgen an wieder mein Überleben zu sichern.“

Erdrückende Kosten

In diesem Hamsterrad ge-fangen fühlt sich auch Natascha B. „Mein Mann und ich haben lange in kleinen oder alten und abgenutzten Wohnungen leben müssen. Unserem Sohn wollen wir einmal etwas Besseres bieten, deshalb haben wir nun über ein Stufenkauf-Modell eine Wohnung gekauft. Aber seitdem gehen wir nur noch dafür arbeiten, reißen uns – mal ganz klar gesprochen – den Hintern auf und es reicht trotzdem hinten und vorne nicht“, klagt die Lochauerin.

Ihr Mann arbeitet Voll-,
sie Teilzeit im Einzelhandel. „Mein Gehalt ist nicht überragend, aber die Arbeit macht mir Spaß und ich möchte meinem Sohn ein gutes Vorbild sein. Außerdem wäre es in unserer Situation auch gar nicht möglich, zuhause zu bleiben.“ Schließlich sei es nicht mehr so, wie früher einmal, ist sich die 28-Jährige sicher: „Heute müssen in praktisch jeder Familie beide Elternteile arbeiten gehen. In unserem Fall tun wir das tatsächlich nur, um zu überleben, nicht um etwas anzusparen, aufzubauen oder sich irgendeinen Luxus zu leisten.“ Kürzlich war die kleine Familie im Kino. Mittlerweile ein Luxus, den sie allein
nicht stemmen könnten, sagt Natascha: „Meine Mama musste uns dabei finanziell unterstützen, sonst hätten wir es uns nicht leisten können.

Und die Sorgen der Mutter werden stetig größer: „Unser Sohn kommt bald in die Schule. Diese zusätzlichen Ausgaben bereiten mir schon jetzt Kopfzerbrechen.“

Nur durch Freund
leistbar

Von dem Traum einer
eigenen Immobilie hat sich Deborah G. bereits schweren Herzens verabschiedet. Die 30-Jährige lebt mit ihrem Freund in einer Mietwohnung in Bregenz. „Ich kann mich über mein Gehalt als Arztassistentin nicht beklagen“, räumt sie ein. Dennoch, alleine Wohnen könnte sie sich nicht leisten. Und auch zu zweit wird es bei einer Mietwohnung bleiben müssen. „Früher haben mein Freund und ich uns noch aktiv nach
Häusern und Baugründen umgeschaut“, erzählt Deborah, „aber damit haben wir inzwischen aufgehört. Bei den Preisen aktuell ist es aussichtslos, wenn man nicht von Zuhause einen dicken Geldbeutel oder einen Baugrund mitbekommt.“ Wobei auch letzteres kein Garant mehr sei: „In unserem Freundeskreis haben inzwischen einige gebaut, die bereits einen Grund hatten. Und sie sagen, dass auch die restlichen Kosten bereits extrem sind.“ Der Wunsch nach einem eigenen Heim liegt bei dem jungen
Paar daher auf Eis. „Das ist schade, denn ein eigenes Haus wäre schon ein Traum gewesen.“

<p class="caption">Deborah hat denTraum von einemHaus aufgegeben.</p>

Deborah hat den
Traum von einem
Haus aufgegeben.

«Der Wunsch nach Wohneigentum ist aussichtlos, wenn man nicht von Zuhause einen dicken Geldbeutel oder einen Baugrund mitbekommt.» Arztassistentin Deborah G.

«Wir reißen uns für die Wohnung den Hintern auf und es reicht trotzdem hinten und vorne nicht.» Mutter Natascha B.

«Ich habe 50 Stunden aufwärts gearbeitet, damit ich am Abend in meiner 30-Quadratmeter-Wohnung schlafen konnte, um am nächsten Tag wieder mein Überleben zu sichern.» Tätowiererin Stephanie M.