„Selbstüberschätzung hat enorm zugenommen“

WANN & WO sprach mit Outdoor-Experte Chris Alge (High 5) über das Canyoning-Unglück in Sonthofen am vergangenen Wochenende, Gefahr in Verzug, den größten Rettungseinsatz der Nachkriegszeit im Ländle und steigende Selbstüberschätzung.

Am vergangenen Samstag kam es während einer Canyoning-Tour in Sonthofen zu einem tragischen Unglück, bei dem eine junge Frau ums Leben gekommen ist. Kannst du zu dem Vorfall etwas sagen? Bei dem Zwischenfall verwandelte sich ein kleiner Gebirgsbach in einen reißenden Fluss. Man kennt diese Gefahr. Ich kann dazu aber nicht viel sagen, ich habe mich nicht wirklich damit befasst. Wir lernen natürlich auch aus den Fehlern anderer, man muss den gleichen Fehler ja nicht zweimal machen. Ich kann das aber gar nicht beurteilen. Ich schaue mir das erst an, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und alles auf dem Tisch liegt. Es ist jedenfalls ein tragischer Einzelfall, bei dem auch die Guides in einer absoluten Ausnahmesituation waren. Das ist ja auch für die Tourguides eine echte Tragödie.

Wie gefährlich sind solche Outdoor-Aktivitäten tatsächlich? In der Statistik steht Outdoor an 40. Stelle, da muss man die Kirche schon im Dorf lassen. Im Ländle wird gute Arbeit geleistet, man weiß, was man tut. Meiner Meinung nach müssen wir eher die Institutionen ins Visier nehmen. Das ist auch bei uns in Dornbirn ein Thema. In Deutschland wurden viele Bäche geschlossen. Diese Unternehmen drücken nun in unsere Region, die Schluchten füllen sich mit Leuten. Das halte ich in Zukunft für problematisch. Meiner Meinung nach wird da auch noch ein Unfall passieren, wenn dem Ganzen nicht Einhalt geboten wird.

Wann hört bei dir der Spaß auf? Wann sagst du, bis hierher und nicht weiter? Das Ganze beginnt bereits bei der Tourenplanung. Es gibt bei mir auch keine großen Gruppen. Bei dem tragischen Unglück in Interlaken im Jahr 1999 waren 60 Leute in der Schlucht, damals gab es 21 Tote. Beim Canyoning sind wir maximal zu siebt, sind es zusammenhängende Gruppen, sind es maximal 14 Leute. Wir haben hier auch keine Tiroler Verhältnisse. Wir haben 4000 Leute jährlich. In Tirol oder in der Steiermark fertigt eine Raftingfirma 450 Leute am Tag ab! Das kommt für uns nicht in Frage. Das passt nicht zu unserer Philosophie und auch das Gebiet hier verträgt diese Massen nicht.

Gibt es einen Zwischenfall in Vorarlberg, der dir be­­sonders in Erinnerung geblieben ist? Der Raftingunfall von 2010 im Bregenzerwald. Damals kenterten acht Boote, 72 Leute wurden vermisst. Wir selbst sind an dem Tag nicht gefahren. Wir haben den Vorteil, dass sich unser Standort direkt an der Ach befindet und wir so gleich wissen, was kommt. Es war damals der größte Rettungseinsatz der Nachkriegsgeschichte im Ländle. 253 Rettungskräfte standen im Einsatz. Es war irrsinniges Glück dabei, es gab keine Toten.

Wie siehst du das Thema Selbstüberschätzung? Die Selbstüberschätzung hat enorm zugenommen. Früher waren es ein paar sportlich extremere Typen, die einfach Spaß haben wollten. Heute meint jeder, dass er dafür gemacht ist. Wir hatten glücklicherweise bisher weder Schwerverletzte noch Tote zu be­­klagen. Wir hatten aber auch schon Bewusstlose auf dem Fluss. Wenn man sie dann weckt und fragt, was los ist, bekommt man als Antwort: „Boah, dass das so anstrengend ist, habe ich nicht gewusst. Außerdem habe ich ein ärztliches Sportverbot.“ Da ist dann eh alles gesagt … Und das mitten im Natura 2000 Gebiet. Da muss ich dann schon sagen: Hey, irgendwo ist da Eigenverantwortung schon auch gefragt.

«Es ist ein tragischer Einzelfall, bei dem auch die Guides in einer absoluten ­Ausnahmesituation waren.» Chris Alge über das Unglück am vergangenen Wochenende in Sonthofen