Ist die Pflege ein Notfallpatient?

Die Pflege ist eine der tragenden Säulen unseres Sozialstaats. Ob im Spital oder in Betreuungseinrichtungen werden wir, wenn nötig, versorgt. Doch auch die Pflege ist durch Personalmangel massiv unter Druck.

„Pflege ist Schwerstarbeit und muss als solche anerkannt werden“, fordert Barbara*. Seit über 30 Jahren ist sie Pflegeassistentin in einem Dornbirner Altersheim. „Wenn ich erst mit 65 in Pension gehen darf, kann ich mir hier schon jetzt ein Zimmer reservieren“, scherzt die 57-Jährige. Noch vor einigen Jahren hätten Menschen aus Pflegeberufen mit genügend Dienstjahren mit 55 in Pension gehen können, heute müssen zehn Jahre mehr geleistet werden. Viele Pflegekräfte klagen über körperliche und psychische Beschwerden, die die Arbeit mit sich bringt. Und das schreckt viele ab. „Es gibt zum Glück immer noch junge Menschen, die die Krankenpflegeschule machen, aber es kommt mir so vor, als würden diese danach verschwinden. Ich glaube, dass viele Pflegeschüler sich dafür entscheiden, einen Job im Krankenhaus anzunehmen, weil die Arbeit dort einfacher ist.“ Früher war auch die Bezahlung in den Krankenhäusern gegenüber Altersheimen besser, das wurde mittlerweile angepasst. Aber natürlich spielt das Gehalt weiterhin eine Rolle beim Werben um Personal. „Viele gut ausgebildete PflegerInnen gehen in die Schweiz, weil sie dort um einiges besser verdienen. Es braucht in Öster-
reich eine ordentliche Anhebung des Gehalts, dann würde es bestimmt einfacher, die Leute im Land zu halten“, so die ­Dornbirnerin.

Pflege ist ein ­Minusgeschäft

In den letzten fünf Jahren sei das Team auf Barbaras Station wegen Kündigungen auf die Hälfte geschrumpft. „Durch immer wiederkehrende Krankenstände müssen wir oft Ausfälle kompensieren.“ Sie habe zum Glück ein gutes Team, das auch in schwierigen Situationen zusammenhält. Das mache es leichter, mit solchen Erschwernissen fertig zu werden. Das Problem dabei sei der Rattenschwanz, der sich nachzieht. „Wenn wir
Ausfälle im Team haben, muss der Rest Überstunden machen. Diese können oft nicht abgebaut werden, sondern werden ausbezahlt. Das passiert jedoch unter dem normalen Stundensatz, man arbeitet also mehr und bekommt weniger dafür.“

Pflegenotstand

Man sei sehenden Auges in die Krise gerutscht. „Es war schon vor 30 Jahren klar, dass wir heute zu wenig PflegerInnen haben würden. Trotzdem wurde zu wenig unternommen“, meint die Dornbirnerin. Nun ist es soweit, dass der vorgeschriebene Betreuungs-
schlüssel nicht erfüllt werden kann. In manchen Häusern würden deswegen nur noch schwere Pflegefälle aufgenommen. Menschen, die in eine niedrige Pflegestufe fallen, werden oft zuhause von mobilen Hilfsdiensten betreut. Um dem beizukommen und mehr Pflegekräfte in die Altersheime zu bekommen, wird versucht, mehr Heimhilfen einzustellen. Diese hätten allerdings keine umfassende Ausbildung und dadurch weniger Befugnisse. Selbst Schüler aus Pflegeschulen würden auf manchen Stationen als volle Arbeitskräfte eingesetzt, kritisiert Barbara.

Männer in die Pflege

Trotz der aktuellen Probleme liegt der 57-Jährigen viel an ihrem Beruf. „Den Menschen hier soll es gut gehen. ­Deswegen nehme ich mir auch für jeden und jede
BewohnerIn die nötige Zeit. Und es ist eine schöne Aufgabe.“ Auch für Männer im Übrigen. In dieser Branche, die vor allem von Frauen geprägt ist, seien Männer „das Beste, was es gibt. Es sollen so viele wie möglich zu uns ins Altersheim kommen.“ Ins Altersheim und natürlich in alle anderen Pflegeeinrichtungen in Vorarlberg. Foto: APA/Gindl

* Name, Alter und Orte wurden zum Schutz der Persönlichkeit geändert, sind der Redaktion aber bekannt.

«Viele gut ausgebildete PflegerInnen gehen in die Schweiz, weil sie dort um einiges besser verdienen. Es braucht in ­Österreich eine Anhebung des Gehalts.» Barbara, Pflegeassistentin