„Am stärksten schmerzt meine Seele“

Dieses Foto von seinem geschundenen Gesicht machte Nicolas noch im Zug.

Dieses Foto von seinem geschundenen Gesicht machte Nicolas noch im Zug.

Weil er Zivilcourage zeigte, wurde Nicolas F. aus Feldkirch brutal zusammenge- schlagen. Die Täter sind auf und davon.

Nicolas F. weiß nicht genau, wie er wieder auf die Beine gekommen ist. Wie lange steht er schon da? Wie hat er sich wieder aufgerappelt? Das Letzte, was er noch weiß, ist, wie ihn Schläge von hinten treffen. Gegen den Kopf, gegen den Rücken, überall hin. Doch von wem? Und von wie vielen? „Mir fehlen einfach ganze Teile des Vorfalls“, berichtet der 43-Jährige im Gespräch mit WANN & WO.

Was er aber noch weiß: Wie alles angefangen hat. „Ich bin am vergangenen Samstag zum Inatura-Clubbing nach Dornbirn gefahren. Gegen 3.30 Uhr ungefähr bin ich dann in den Zug nach Hause eingestiegen“, schildert der Feldkircher. Mit ihm im Abteil befindet sich ein junges Pärchen. „Der Mann war gut einen Kopf kleiner als ich, die Frau noch kleiner als er. Irgendwann ist er aufgestanden, um auf die Zugtoilette zu gehen. Und da hat sich plötzlich ein fremder Typ vor ihm aufgebaut und sie blöd angemacht, völlig grundlos.“

Die Situation eskaliert

Nicolas’ Gerechtigkeitssinn und seine Zivilcourage lassen ihn dabei nicht einfach zuschauen: „Ich bin dazwischen gegangen, habe den Kerl am Pullover gegriffen, von dem Paar weggezogen und ihm gesagt, dass er die beiden in Ruhe lassen soll“, beschreibt er weiter. „Dann hat er sich gleich auf mich eingeschossen und ist ausgerastet. Und dann habe ich die Schläge gespürt.“

Die kamen in dem Moment gar nicht von dem aggressiven Passagier selbst, sondern von drei vermeintlichen Kollegen von ihm. Sie hätten sich ihm genähert und unvermittelt zugeschlagen, so erzählen es Nicolas später die Zeugen. „In dem Moment habe ich das gar nicht realisiert. Auch nicht, wie viele es waren“, erklärt er. „Ich habe nur gemerkt, wie ich zu Boden ging und bin erst so richtig zu mir gekommen, als ich wieder stand. Aber wie ich wieder auf die Beine gekommen bin – ich weiß es nicht.“

Zwei Platzwunden, eine Gehirnerschütterung

Das Pärchen vom Anfang kümmert sich nach der Attacke um ihn, überzeugt ihn, ins Spital zu fahren. Als die Gruppe in Feldkirch aus dem Zug steigt, steht zufällig eine Polizeistreife am Bahnhof. „So, wie ich aussah, haben die mich natürlich gleich gefragt, was passiert ist“, so Nicolas. „Sie haben dann meine Aussage und die des Pärchens aufgenommen und auch Beweisfotos von meinem blutigen Gesicht gemacht.“

Im Spital werden dem Feldkircher zwei Platzwunden im Gesicht genäht, außerdem wird ihm eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. „Ich habe heute noch Schmerzen. Am Kopf, aber auch am Rücken und an der Halswirbelsäule.“ Der Persönlichkeitscoach, Künstler und DJ ist krankgeschrieben, mindestens zwei Wochen kann er nicht zur Arbeit.

Wo bleibt
die Zivilcourage?

Doch das ist noch nicht einmal das Ärgste für ihn: „Die körperlichen Schmerzen sind das Eine. Was mir aber noch viel mehr wehtut, ist meine Seele“, klagt der 43-Jährige. „In was für einer Welt leben wir denn, in der Menschen andere einfach so angreifen, ohne Grund, einfach um ihre Aggressionen rauszulassen und sich über andere zu stellen? Und in der man für Zivilcourage im Spital landet?“

Viele Bekannte hätten ihm nach dem Vorfall von ähnlichen Vorkommnissen erzählt, bei denen aber niemand eingegriffen habe. „Wenn sich die Leute schon nicht mehr gegenseitig helfen und nur daneben stehen, wenn jemandem ein Unrecht passiert, dann wird es mit der Menschheit immer schlimmer.“

Sebastian hofft nun, dass die Videokameras aus dem Zug bei der Ergreifung der bislang unbekannten Täter helfen. Und dass seine Geschichte vielleicht dem einen oder anderen als gutes Beispiel dient – und zu mehr Zivilcourage in der Gesellschaft führt.

<p class="caption">Als DJ HeavenSky kennt Nicolas das Nachtleben. Aber so etwas ist ihm noch nie passiert. Fotos: handout/privat</p><p class="caption"/>

Als DJ HeavenSky kennt Nicolas das Nachtleben. Aber so etwas ist ihm noch nie passiert. Fotos: handout/privat

«In was für einer Welt leben wir denn, in der Menschen andere einfach so angreifen, ohne Grund, einfach um ihre Aggressionen rauszulassen und sich über andere zu stellen?» Nicolas F.

«Mir fehlen einfach ganze Teile des Vorfalls.» Nicolas F.