(Öffi-)Reise des Lebens

Glückliche Gesichter: Vater Ralf, Tante Birgit, Soña (v.l.) sowie die Jungs Anton und Richard als Zuschauer beim großen Vuelta-Radrennen in Spanien . Fotos: privat

Glückliche Gesichter: Vater Ralf, Tante Birgit, Soña (v.l.) sowie die Jungs Anton und Richard als Zuschauer beim großen Vuelta-Radrennen in Spanien . Fotos: privat

Vier Monate war Familie Laufer aus Bludenz in Süd- und Mitteleuropa unterwegs – und das nur mit Bus und Bahn. Mutter Soña erzählt W&W, wie sie ihren Plan, zum Schutz der Umwelt nur mit Öffis zu reisen, umgesetzt haben und was sie dabei erlebt haben.

„Es hat gut angefangen, wurde dann nur besser und als es am schönsten war, war die Zeit
vorüber.“ So das begeisterte Fazit von Soña Laufer zur außergewöhnlichen Öffi-Reise ihrer Familie. Und das Beste in ihren Augen: „Ich glaube, wir haben es geschafft, einen Grundstein für eine nachhaltige und weltoffene Denkweise unserer Kinder zu legen.“

„Fanden, was wir suchten“

Das bezweifelt man nicht, wenn man hört, was Soña, ihr Mann Ralf und die Kinder Anton und Richard alles bereist und gesehen haben: Vom Zuhause in Bludenz ging es erst nach Süd-Italien, dann nach Süd-Frankreich, Spanien und Portugal. Die Heimreise verlängerten die Weltenbummler dann noch um einen Schlenker zurück nach Spanien und Frankreich sowie um einen Besuch bei Freunden in Deutschland, ehe sie wieder vor den eigenen vier Wänden im Ländle standen.

Doch noch wichtiger als die Destinationen waren die Erlebnisse an diesen Orten, sagt Soña. Neben den „klassischen, anonymen Camping-plätzen, auf denen man kaum jemanden kennenlernen kann, und dem ein oder anderen Hotel“, so die 43-Jährige, sind ihnen deshalb die außergewöhnlichen Aufenthalte in besonderen Gegenden in Erinnerung geblieben. Wie etwa ein kleiner Campingplatz nahe Sintra in Portugal. „Dort haben wir genau das gefunden, wonach wir gesucht haben“, schwärmt Soña. „Das schöne und harmonische Zusammenleben vieler Menschen.“ Und die kamen aus aller Welt: „Anton und Richard sind mit Benjamin aus Portugal in den Swimmingpool gesprungen, haben mit Sam und Laila aus Deutschland Basketball gespielt, mit Maako aus Schweden Mittag gegessen, mit Leo und Sam aus Großbritannien Brettspiele gespielt und sich am Abend vor dem Zelt von Antonny aus Indien Gute-Nacht-Geschichten erzählen lassen.“ Aber nicht nur die beiden Jungs profitierten von der interkulturellen Gemeinschaft: „Wir Erwachsene haben auch gemeinsam Zeit verbracht, gekocht, Ausflüge unternommen und Yoga gemacht – nach vielen Jahren kann ich wieder einen Kopfstand machen“, erzählt die Mutter lachend.

Farm- statt Stadtleben

Nach den tollen Erfahrungen aus Spanien wollte Soña auch unbedingt noch einmal „wwooofen“, also Urlaub gegen Hand machen – und landete in „Santoalla, einem verlassenen Örtchen in den galizischen Bergen, wo die 71-jährige Margo alleine auf ihrer Farm lebt“, beschreibt die Bludenzerin. „Weit weg von der Zivilisation inmitten einer wunderschönen Landschaft haben wir zwei Wochen wie Nomaden gelebt. Margo hat auf ihrer Farm ein Pferd, drei Hunde, vier Katzen, zehn Hühner und 50 Ziegen.“ Die Familie half Margo, sich um die Tiere zu kümmern, Ziegenkäse herzustellen und den Garten zu bewirtschaften. „Statt Stadtleben hast Du auf der Farm Natur pur: die wunderschöne Geräuschkulisse der Natur, das saubere Trinkwasser direkt aus der Quelle, einen verlassenen Ort für Dich alleine. Und ein Paradies für Kinder, um Schätze zu suchen, Verstecke zu bauen, Entdeckungen und Experimente zu machen, im Bach zu spielen …“
Dabei habe sie beobachtet, „wie glücklich sie waren, wenn sie den ganzen Tag in der Natur verbracht haben, wie aus Langeweile Kreativität entstand, wie egal es war, dass sie schmutzig waren und wie gerne sie mit echtem Werkzeug gearbeitet haben.“

„Würde jedem gut tun“

Doch wie alles hat auch das zwei Seiten, berichtet Soña: „Was hier so idyllisch klingt, kann auch hart sein. Um so zu leben, muss man lernen, flexibel zu sein, lernen, sich an die Umstände anzupassen und zu akzeptieren, nicht alles haben zu können. Warmes Wasser zum Duschen ist kein Standard, die Trockentoilette draußen in der vollen Dunkelheit zu suchen kann auch gruselig sein und man ist auch mal schmutzig“, gesteht sie. „Aber ich denke, es würde jedem von uns gut tun, einmal so zu leben. Man schätzt mehr, was man hat und wir würden alle weniger jammern und aufhören, Probleme zu suchen, wo keine sind.“

Um diese Sichtweise weiterzugeben, wollen Soña und Ralf im Reise-Universum bleiben, wenn auch anders: „Wir haben das Spiel jetzt umgedreht: Die Welt kommt zu uns. Mein Mann hat bei www.warmshowers.org einen Account angelegt und die Rad-
reisenden können bei uns einen Zwischenstopp machen.“ In der kurzen Zeit, die sie jetzt wieder zuhause sind, durften sie auch schon Cyril, einen Medizinstudenten aus Grenoble beheimaten, der ein Jahr nur mit dem Fahrrad in Europa unterwegs ist. „Es ist schön, ein Teil seiner Reise zu sein“, sagt Soña – und setzt lachend hinzu: „Und es ist gut, wenn unsere Kinder sehen, dass wir nicht die Einzigen sind, die ‚spinnen‘.“

<p class="caption">Die Jungs halfen beim Abfüllen der Ziegenmilch ...</p>

Die Jungs halfen beim Abfüllen der Ziegenmilch ...

<p class="caption">... und kümmerten sich um die Tiere, wie hier um Pferd Misla.</p>

... und kümmerten sich um die Tiere, wie hier um Pferd Misla.

<p class="caption">Auf der Farm hatten Anton und Richard die wohl coolste Badewanne der Welt.</p>

Auf der Farm hatten Anton und Richard die wohl coolste Badewanne der Welt.

<p class="caption">Gartenarbeit machte auch Spaß ...</p>

Gartenarbeit machte auch Spaß ...

<p class="caption">... aber am höchsten standennatürlich die Tiere im Kurs.</p>

... aber am höchsten standen
natürlich die Tiere im Kurs.

«Um so zu leben, muss man flexibel sein, sich anpassen und akzeptieren, nicht alles zu haben.» Soña Laufer (43) aus Bludenz